Auszug aus dem Buch "Séance" von Shannon Taggart
von Shannon Taggart
30. März 2026
Auszug aus dem Buch Séance von Shannon Taggart
Shannon Taggart ist Fotografin und Autorin. Ihre forschungsbasierte Praxis untersucht die Rolle der Fotografie bei der Vermittlung unsichtbarer oder umstrittener Realitäten. Sie ist die Autorin von „Séance“ (Fulgur Press, 2019). Am 29. Juni 2026 hält sie im Basler Psi-Verein einen Vortrag über die SORRAT-Gruppe - einer Gruppe von Intellektuellen und Akademikern im Amerika der 60er-Jahre, die sich unter anderem der Erforschung der Telekinese widmete. Zusätzlich erzählt Shannon Taggart von ihrem Fotoprojekt "Séance".
Zum Vortrag mit Shannon Taggart
Auszug aus "Séance":
Auf der Suche nach Beweisen für das Übernatürliche verschmolz die sogenannte SORRAT-Gruppe (Society for Research on Rapport and Telekinesis / Gesellschaft für Rapport- und Telekineseforschung) spiritistische Séancetechniken, Black Elks heilige Weltanschauung, die wissenschaftlichen Protokolle von J. B. Rhine (dem Begründer der Parapsychologie, der an der Duke University in Durham, North Carolina, ein Labor für deren Erforschung einrichtete) und John Neihardts Theorien des poetischen Bewusstseins, das Kunst als Mittel zur Formgebung der Wahrheit versteht. Ihre synkretische Praxis wurde durch „Rapport“ angetrieben – die Energie, die entsteht, wenn Menschen in Harmonie verschmelzen. Als Freunde erreichten sie dies, indem sie ein Gruppenbewusstsein kultivierten, das sie als psychische Kraftquelle nutzten. Das Ziel von SORRAT war es, Wahrheit aus höheren Ebenen für den praktischen Gebrauch zu suchen, eine Philosophie, die Neihardt als „pragmatischen Mystizismus“ bezeichnete. Die Mitglieder waren sich einig, dass SORRAT, sollte es gelingen, paranormale Kräfte zu nutzen, mit der Entdeckung des Feuers oder der Erfindung des Rades vergleichbar sein könnte.
Die Notizbücher der SORRAT-Gruppe lesen sich wie Fragmente von Märchen oder magischem Realismus – jahrelange Geschichten in Geschichten in Geschichten, wie russische Matrjoschka-Puppen.
Ein Tagebucheintrag beschreibt, wie ein Bügelbrett und ein Wintermantel aus einem Schrank huschen, um mit einem Tablett einen kleinen Tanz aufzuführen. Während die Gegenstände wackeln, taucht ein Regenschirm hinter ihnen auf und tanzt mit. Er öffnet sich und schwebt zur Decke, während eine Clownpuppe den Kopf dreht und zusieht. Richards bemerkt: „Niemand würde das glauben. Wir wissen, dass es passiert ist, aber während ich es schreibe, erscheint es mir völlig irrational.“
Verstorbene Besucher tauchen über die Jahre immer wieder auf und setzen ihre Geschichten dort fort, wo sie aufgehört haben. Auch berühmte Geistwesen haben gelegentlich Gastauftritte. In einer Folge erscheint der Geist von Lenny Bruce und buchstabiert Obszönitäten. In einer anderen Episode hat Carl Jung einen kurzen Auftritt, nur um den Geist von John Philip Sousa anzukündigen. Später taucht Alfred, Lord Tennyson auf: Er gibt Schreibtipps und gesteht, dass er ein Mitglied von SORRAT während dessen Nachtschichten bei Kmart besucht und in der Schmuckabteilung Lärm gemacht hat, bevor er zwischen Kasse sechs und sieben hervorspähte.
Doch das Erstaunlichste an dem gesamten Archiv ist eine Reihe von Amateurfilmen, die angeblich spontane Momente psychokinetischer Aktivität in einem umgedrehten Aquarium festhalten. Diese „Mini-Labor“-Filme wurden autonom mit einer bewegungsaktivierten Super-8-Kamera und einer Beleuchtungsanlage aufgenommen, die mit elektronischen Schaltern verbunden waren – ein Gerät, das vom Parapsychologen William Edward Cox entwickelt wurde – im Isolationsraum der Familie Richards. Die im Namen der Wissenschaft entstandenen Kurzfilme wirken wie absurde Avantgarde-Filme im Stil von Harry Smith oder Jan Švankmajer – oder, wie ein Kritiker es ausdrückte, „Zirkus in einer Kiste“. Im stockenden Rhythmus von Stop-Motion kreisen Spielzeugautos, als suchten sie einen Parkplatz; eine mittelalterliche Ritterfigur schlurft mit einem Cocktail-Schirmchen in der Hand durch das Aquarium; ESP-Karten entweichen aus einem versiegelten Päckchen, sortieren sich nach Farbe und springen zurück hinein. Für einige Sequenzen wären Kenntnisse im Bereich Spezialeffekte erforderlich gewesen, etwa für Ballons, die sich unter Glas aufblähen und wieder zusammenfallen, oder für Papierstücke, die in Flammen aufgehen. Bezüglich der spontanen Selbstentzündung hinterließen die Geister eine Nachricht: „Die molekulare Reibung bei einer missglückten Apportation ist echt ätzend.“ (“The molecular friction during a botched apport is a real bitch.” Für alle, die es nicht wissen: Eine Apportation ist ein Gegenstand, der während einer Séance materialisiert.)
Die Mini-Labor-Filme zeigen, wie Konzeptkunst, wissenschaftliche Experimente und spirituelle Suche eine gemeinsame Sprache der Transformation von Abwesenheit in Präsenz teilen. Später ging SORRAT mit seinen Experimenten zu ritualisierten Abläufen, Zufallsoperationen und delegierter Autorschaft noch einen Schritt weiter. Im Isolationsraum wurden Kompaktkameras für Geister aufgestellt, die sie benutzen sollten, begleitet von Anweisungen, Phänomene nicht nur zu inszenieren, sondern auch selbst Fotos zu machen, wenn sie dies wünschten. Die entstandenen Bilder von schwebenden Kameras, Filmdosen und Filmkassetten treiben die Idee der Geisterfotografie auf die Spitze – zu einem konzeptuellen (und ziemlich komischen) Extrem.
Unten: John Neihardt hält Black Elks Trommel in seinem Arbeitszimmer in Skyrim, zu Beginn der SORRAT-Experimente, Columbia, USA, 1961.
Experiment mit einem maskierten Ouija-Brett, im Haus von Tom und Elaine Richards, Columbia, Missouri USA, 22. Februar 1966.
Über Shannon Taggart
Diesen Artikel teilen
Aktuelle Veranstaltungen zu diesen Themen
- Séance mit Kai Mügge vom Felix-Circle 20.04.2026 am Montag, 20. April 2026
- Séance mit Kai Mügge vom Felix-Circle 22.04.2026 am Mittwoch, 22. April 2026
- Aufbaukurs: Trance am Montag, 4. Mai 2026
- Séance: Mychael Shane und Raffaella Forte: Spirit-Kommunikation und Apporte - 19.05.2026 am Dienstag, 19. Mai 2026
- Heilséance (ohne Apporte) am Mittwoch, 20. Mai 2026
- Séance: Billet Reading und Apporte am Donnerstag, 21. Mai 2026
- Privates Gespräch mit den Meistern am Freitag, 22. Mai 2026
- Tages-Workshop: Die Energien der Aufgestiegenen Meister am Samstag, 23. Mai 2026
- Séance OHNE ÜBERSETZUNG: Q&A oder Healing am Mittwoch, 27. Mai 2026
- Surprise Séance am Donnerstag, 28. Mai 2026
- Privatkonsultationen: Trance-Heilung am Mittwoch, 3. Juni 2026
- Workshop: Heilende Medialität – Trance-Heilung I am Samstag, 6. Juni 2026
- Heilsitzungen: Psychic Surgery am Mittwoch, 10. Juni 2026
- Physikalische Séance - 10.06.2026 am Mittwoch, 10. Juni 2026
- Physikalische Séance - 11.06.2026 am Donnerstag, 11. Juni 2026
- Trance und Physikalische Medialität: Private Evaluierung am Freitag, 12. Juni 2026
- Seminar: Trance, Trance-Heilung & Heilung am Samstag, 13. Juni 2026
- Gruppenheilsitzung 19. Juni 2026 - 14:00-16:00 Uhr am Freitag, 19. Juni 2026
- Gruppenheilsitzung 19. Juni 2026 - 17:30-19:30 Uhr am Freitag, 19. Juni 2026
- Gruppenheilsitzung 20. Juni 2026 - 10:00-12:00 Uhr am Samstag, 20. Juni 2026
- Gruppenheilsitzung 20. Juni 2026 - 13.30-15.30 Uhr am Samstag, 20. Juni 2026
- Vortrag: SORRAT und Séance: Das Unsichtbare durch Fotografie erforschen am Montag, 29. Juni 2026
- Erlebnisabend: Ausserkörperlicher Erfahrungen – Betrachtungen, Erkenntnisse und Möglichkeiten am Donnerstag, 17. Sept. 2026
- Seminar: Ausserkörperliche Erfahrungen und Wahrnehmungen am Freitag, 18. Sept. 2026
- Tablework – ein experimenteller, medialer Abend am Donnerstag, 29. Okt. 2026
- Séance mit Kai Mügge vom Felix-Circle 11.11.2026 am Mittwoch, 11. Nov. 2026
- Séance mit Kai Mügge vom Felix-Circle 12.11.2026 am Donnerstag, 12. Nov. 2026

