Interview: Glück ist Übungssache Dr. Joe Dispenza

von Joe Dispenza

20. Februar 2017

Dr. Joe Dispenza im Interview


Gibt es persönliche Erlebnisse, die Sie zu Ihrer Arbeit inspiriert und motiviert haben?

Ich machte vor 20 Jahren eine einschneidende Erfahrung, die dazu führte, dass ich mehr darüber wissen wollte, wie das Gehirn unser Leben verändern kann. Ich hatte einen Fahrradunfall, bei dem ein grosser Teil meiner Wirbelsäule stark beschädigt wurde. Vier medizinische Fachleute meinten, meine einzige Chance einer Querschnittslähmung zu entgehen sei eine Operation, die zu lebenslanger Behinderung und wahrscheinlich auch Schmerzen geführt hätte. Ich musste die schwerste Entscheidung meines Lebens fällen – aber ich lehnte die Operation ab und vertraute mich stattdessen der inneren Intelligenz an, die uns allen in jedem Augenblick das Leben schenkt. Zehn Wochen später konnte ich schmerzfrei und vollkommen geheilt in mein gewohntes Leben zurückkehren.

Diese Erfahrung führte dazu, dass ich gelobte, einen grossen Teil meines Lebens der Erforschung des Phänomens der Spontanheilung und des Primats des Geistes über die Materie zu widmen. Mit Spontanheilung meine ich die Fähigkeit des Körpers, sich ohne traditionelle medizinische Eingriffe wie Operationen oder Medikamente selbst wieder herzustellen oder von einer Krankheit zu befreien. So habe ich mich viele Jahre lang mit dem menschlichen Potential beschäftigt, mit unserer Fähigkeit zur Transzendenz, das heisst, über unsere persönlichen Grenzen hinauszuwachsen, aber auch mit den Wechselwirkungen zwischen dem Gehirn, dem Geist, dem Körper und dem Bewusstsein.

Viele von uns haben in der Schule gelernt, dass unser Gehirn, sobald wir erwachsen sind, nicht weiter entwicklungsfähig sei. Wie gross ist unser Potential, das Gehirn zu verändern?

Wer wie ich vor mehr als 20 bis 30 Jahren zur Schule gegangen ist, hat gelernt, dass das Gehirn eines Erwachsenen aus einer bestimmten Anzahl von Zellen besteht, die in feststehenden neuronalen Mustern miteinander verknüpft sind, und dass wir mit zunehmendem Alter diese Muster auch verlieren können. Damals ging man davon aus, dass wir unweigerlich in vieler Hinsicht unseren Eltern ähnlich werden würden, weil uns nur die neuronalen Muster zur Verfügung stehen, die wir von ihnen geerbt haben. Diese Sichtweise gilt heute in der Neurowissenschaft als falsch. Die gute Nachricht ist, dass jeder von uns sich sein ganzes Leben lang ständig weiter entwickelt. Jedes Mal, wenn wir einen Gedanken denken, findet in bestimmten Bereichen des Gehirns ein elektrischer Stromfluss statt und eine Vielzahl von Neurochemikalien wird ausgeschüttet. Durch die neuen Technologien zur Sichtbarmachung von Gehirnaktivitäten wissen wir heute, dass jeder Gedanke und jede Erfahrung bewirkt, dass sich unsere Gehirnzellen verbinden und lösen und dass sich diese Muster ständig verändern. Wir verfügen natürlicherweise über eine sogenannte «Neuroplastizität», das bedeutet, dass wir mit neu Erlerntem und neu Erfahrenem auch neue neuronale Kreisläufe und Muster entwickeln. Damit verändern wir unser Gehirn.


Warum fällt es uns dann so schwer, uns zu ändern?

Ich weiss sowohl aus meiner Praxis als auch aus meinem eigenen Leben, dass Veränderung nicht leicht ist. Viele Menschen haben beste Absichten und Ideen, und trotzdem kehren sie zu unerwünschten Gewohnheiten zurück. Veränderung bedeutet, sich in der gleichen Situation anders zu verhalten, auf die Umgebung nicht mit den gewohnten Gedanken und Gefühlen zu reagieren.

Das ist leichter gesagt als getan. Viele von uns neigen dazu, immer wieder die gleichen Gedanken zu denken, die gleichen Gefühle zu entwickeln und den gleichen Abläufen zu folgen. Damit nutzen wir immer wieder die gleichen neuronalen Muster in unserem Gehirn, was diese verfestigt. So entstehen Denk-, Fühlund Verhaltens-Gewohnheiten.

Verstehen Sie mich nicht falsch, eine Verfestigung neuronaler Muster ist nicht per se schlecht. Sie erlaubt uns, neu erlernte Fähigkeiten wie zum Beispiel Autofahren nach einer Weile ohne viel Aufwand, ganz automatisch auszuführen. Doch wenn wir etwas in unserem Leben ändern wollen, müssen wir das Gehirn dazu bringen, nicht mehr in den alten Sequenzen und Kombinationen zu arbeiten.

Die alten neuronalen Muster müssen aufgebrochen und zu neuen Verbindungen zusammengesetzt werden.

Was ist der «Mind», unser Denken, und in welcher Beziehung steht er zum Gehirn?

Heute haben wir die Technologie, um ein lebendiges Gehirn bei seinen Aktivitäten beobachten zu können, und daher wissen wir, dass der «Mind» (der Verstand oder unser Denken, der Geist) durch die Aktivität des Gehirns erzeugt wird. Das ist die neueste Definition der Neurowissenschaften. Wenn ein Gehirn aktiv und lebendig ist, kann es Gedanken verarbeiten, neue Informationen lernen, neue Ideen entwickeln, Fähigkeiten erwerben, Erinnerungen abrufen, Gefühle zum Ausdruck bringen, Bewegungen koordinieren und die Funktionen des Körpers aufrecht erhalten. Das belebte Gehirn kann auch Verhalten bewirken, träumen, wahrnehmen und vor allem das Leben annehmen. Damit es einen menschlichen Verstand geben kann, muss es ein lebendiges Gehirn geben.

Das bedeutet, dass das Gehirn nicht das menschliche Denken ist, sondern der physische Apparat, durch welchen der menschliche Verstand hervorgerufen wird. Das Gehirn ermöglicht den Verstand. Wir können uns das Gehirn als eine hochentwickelte Datenverarbeitungsmaschine vorstellen, die es uns ermöglicht, Informationen in Sekundenbruchteilen zu sammeln, verarbeiten, speichern, abzurufen und zu kommunizieren, aber es kann auch voraussehen, Hypothesen entwickeln, reagieren, planen und Vernunft walten lassen. Das Gehirn ist auch die Steuerungszentrale, durch welche der Geist all die Stoffwechselfunktionen koordiniert, die für das Leben und das Überleben notwendig sind. Wenn der Biocomputer sozusagen angeschaltet, also lebendig ist, und Informationen verarbeiten kann, dann erzeugt er den Verstand.

Das Gehirn hat drei anatomische Strukturen, mit denen es verschiedene Aspekte des Denkens erzeugt. Wir haben auch einen bewussten und einen unterbewussten Geist; beide sind das Produkt eines Gehirns, welches mit Hilfe von Impulsen seine verschiedenen Regionen und Substrukturen koordiniert. Es gibt also viele verschiedene Geisteszustände, weil wir das Gehirn leicht dazu bringen können, auf unterschiedliche Weise zu arbeiten.

Was ist Neuroplastizität?

Neuroplastizität ist unsere natürliche Fähigkeit, unsere neuronalen Verbindungen zu verändern. Jedes Mal, wenn wir etwas Neues lernen oder eine neue Erfahrung machen, entstehen im Gehirn neue synaptische Verbindungen und neue neuronale Netzwerke – und zwar in jedem Alter. Wenn wir so auf neue Art neue Netzwerke nutzen, bringen wir die Gehirnzellen dazu, in neuen Sequenzen zu feuern. Aus neurologischer Sicht bedeutet das, dass wie durch die Gedanken, die wir denken, die Informationen, die wir lernen, die Ereignisse, die wir erfahren, die Reaktionen, die wir durchleben, die Gefühle, die wir erzeugen, die Erinnerungen, die wir abrufen und selbst die Träume, die wir pflegen, in jedem Augenblick anders sind. All diese Dinge verändern die Art, wie das Gehirn arbeitet, und erzeugen neue Geisteszustände, die in unserem Gehirn gespeichert werden.

Neuroplastizität ist eine universelle, genetisch verankerte Fähigkeit des Menschen. Sie ist Ausdruck unseres Privilegs, aus Erfahrungen zu lernen und unser Verhalten, unser Denken und unsere Persönlichkeit so anzupassen, dass die Ergebnisse mehr unseren Wünschen entsprechen. Einfach intellektuell neue Informationen zu lernen reicht nicht; wir müssen anwenden, was wir lernen, um damit zu neuen Erfahrungen kommen. Wenn wir unsere Gehirne nicht synaptisch umschalten könnten, wären wir nicht fähig, aus unseren Erfahrungen zu lernen und unser Verhalten zu ändern. Ohne Veränderung würden wir uns nicht weiterentwickeln und wären hilflos unserer genetischen Veranlagung ausgeliefert. Wie neuroplastisch unser Gehirn ist, hängt von unserer Fähigkeit ab, unsere Wahrnehmung der Welt um uns herum zu ändern, unser Denken zu verändern, uns selbst zu verändern. 


Was bedeutet mentales Üben und wie können wir es einsetzen, um uns zu verändern?

Mentales Üben ermöglicht uns, unser Gehirn zu verändern – eine neue Ebene des Denkens zu erschaffen, ohne irgendetwas anderes zu tun als zu denken. Es bedeutet, mental uns selbst zu sehen und zu erfahren, wie wir eine selbst gewählte Fertigkeit, einen Seinszustand oder eine innere Haltung ausüben. Durch mentales Üben können wir die hochentwickelten Eigenschaften unseres Stirnlappens nutzen, um etwas in unserem Leben

signifikant zu verändern. Etliche Studien haben bewiesen, dass das Gehirn nicht zwischen innerer, gedachter Erfahrung und äusserlich erlebter Erfahrung unterscheiden kann. In einem Experiment wurden zwei Gruppen von Menschen, die nicht Klavier spielen konnten, Klavierübungen für eine Hand beigebracht. Sie sollten fünf Tage lang jeden Tag zwei Stunden lang üben, mit dem bedeutenden Unterschied, dass die eine Gruppe diese Übungen körperlich ausführte und die andere nur mental, ohne die Finger zu bewegen. Am Ende der fünf Tage zeigte sich, dass beide Gruppen die gleiche Menge neuer neuronaler Verbindungen hatte. Wie ist das möglich?

In diesem Experiment haben die funktionalen Hirn-Scans gezeigt, dass die Versuchspersonen, die mental geübt haben, so konzentriert waren, dass ihr Gehirn keinen Unterschied zwischen innerer und äusserer Welt wahrnahm. Sie aktivierten ihr Gehirn also genauso wie jene, die tatsächlich Klavier gespielt haben. Die neuronalen Verbindungen haben sich an genau den gleichen Stellen entwickelt wie bei jenen, die körperlich geübt haben.

Was ist Evolution und wie können wir unser Gehirn evolutionär weiter entwickeln?

Als Art und als Individuen entwickeln wir uns ständig weiter. Unsere persönliche Weiterentwicklung dient auch dem Fortschritt der Menschheit. Die meisten von uns haben in der Schule gelernt, dass die Evolution ein langsamer, linearer Prozess ist, durch welchen Arten sich im Laufe von Generationen den Veränderungen ihrer Umgebung anpassen, zum Beispiel in ihrer Anatomie oder ihren Körperfunktionen, um so den Fortbestand der Art sichern.

Unser menschliches Gehirn entwickelte sich relativ linear bis zu einem Zeitpunkt vor etwa 250‘000 Jahren, als aus noch unbekannten Gründen unser Neocortex plötzlich anfing zu wachsen und er grösser und dichter wurde als bei irgendeiner anderen Art. Dieses so genannte neue Gehirn ist der Sitz unseres Bewusstseins, unserer Lernfähigkeit, unserer Vernunft und unseres freien Willens. Schlicht gesagt verleiht uns unser Neocortex und insbesondere der Stirnlappen das Potential, über den graduellen Prozess der Evolution hinaus zu wachsen und zu einer schnelleren, nonlinearen Evolution überzugehen.

Weil wir aufgrund unseres Wissens und aus Erfahrungen – und vor allem aus unseren Fehlern – lernen können, und da wir über spezielle Formen des Gedächtnisses verfügen, um das abzuspeichern, was wir gelernt haben, haben wir unmittelbaren Einfluss auf unsere Gedanken und unser Verhalten. Im Gegensatz zu anderen Arten können wir in einem einzigen Leben eine ungeheure Bandbreite von Erfahrungen durchleben. Und das Gelernte können wir dann an unsere Kinder und andere Mitmenschen weiter geben.

Wir alle haben gewisse Gewohnheiten und Neigungen, die wir ererbt oder erlernt haben. Die persönliche Evolution erfordert, dass wir mit diesen gewohnten Verhaltens- und Reaktionsweisen brechen und neues Wissen erwerben, was zu neuen Erfahrungen führt. Am Anfang ringen wir vielleicht mit dem Neuartigen, doch dann werden wir zunehmend vertrauter damit und verinnerlichen es. Am Ende jedes Lernprozesses ist das Neue bekannt und geläufig. Wenn wir eine Fähigkeit erlernt haben, ist sie vielleicht schon zur Routine geworden und automatisiert. Der Weg unserer individuellen Evolution besteht darin, Unbekanntes zu Bekanntem zu machen, Neues zu Vertrautem und Ungewohntes zu Gewohntem.


Über Joe Dispenza

Dr. Joe Dispenza wurde der Öffentlichkeit als einer der Wissenschaftler in dem preisgekrönten Film „What the BLEEP Do We Know!?“ bekannt. Seit der Veröffentlichung dieses Films im Jahr 2004 hat er seine Arbeit in mehrere Richtungen erweitert und vertieft –sein Bestreben zeigt sein leidenschaftliches Interesse daran herauszufinden, wie Menschen sich die neuesten Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft und der Quantenphysik zunutze machen können, nicht nur, um sich von Krankheiten zu heilen, sondern auch, um im Leben mehr Glück und Erfüllung zu finden. »Dr. Joe« ist zutiefst davon überzeugt, dass jedem Menschen das Potenzial wahrer Größe und unbegrenzter Fähigkeiten und Möglichkeiten offensteht.

Dr. Joe ist in 31 Ländern auf sechs Kontinenten als Lehrer und Vortragsredner tätig und bringt auf seine leicht verständliche, ermutigende und mitfühlende Art, die sein »Markenzeichen« ist, Tausenden von Menschen bei, wie man sein Gehirn neu vernetzen und den Körper mit dauerhaften Veränderungen neu konditionieren kann. Er bietet nicht nur diverse Online-Kurse und Teleclasses an, sondern hält auch persönlich dreitägige »Progressive«- und fünftägige »Advanced« Workshops in den USA und auch im Ausland ab. Dr. Joe ist Fakultätsmitglied der International Quantum University for Integrative Medicine in Honolulu, des Omega Institute in Rhinebeck, New York sowie des Kripalu Center for Yoga and Health in Stockbridge, Massachusetts. Außerdem ist er geladenes Mitglied des Forschungsausschusses der Life University in Atlanta, Georgia.

Als Forscher beschäftigt sich Dr. Joe mit den wissenschaftlichen Grundlagen hinter Spontanremissionen und untersucht, wie Menschen sich von chronischen und sogar tödlichen Krankheiten selbst heilen. Seit einiger Zeit führt er in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern und im Rahmen seiner Advanced Workshops umfassende Untersuchungen über die Auswirkungen der Meditation durch. Er und sein Team erstellen Hirnkarten anhand von Elektroenzephalogrammen (EEGs), testen das individuelle Energiefeld mit Hilfe der Gasentladungsvisualisierung (GDV) und messen die Herzkohärenz an HeartMath Monitoren sowie die Energie im Workshop vor, während und nach der Veranstaltung mit einem GDV Sputnik Sensor. Auch epigenetische Tests sind inzwischen dazugekommen.

Als Unternehmensberater hält Dr. Joe Vorträge und Workshops vor Ort bei Unternehmen, die mit Hilfe neurowissenschaftlicher Prinzipien unter anderem die Kreativität, Innovationskraft und Produktivität ihrer Mitarbeiter erhöhen möchten. Sein Unternehmensangebot umfasst zudem persönliches Coaching für Führungskräfte. Er hat persönlich über 50 Unternehmenstrainer ausgebildet, die sein Transformationsmodell weltweit im Unternehmensumfeld weitergeben. Inzwischen zertifiziert er selbstständige Trainer für die Arbeit mit seinem Modell des Wandels mit ihren eigenen Klienten.

Dr. Joe ist Autor des Buches Du bist das Placebo – Bewusstsein wird Materie; es landete innerhalb einer Woche nach Veröffentlichung auf der New York Times Bestsellerlisteund baut auf seinen vorigen Werken auf: Ein neues Ich: Wie Sie Ihre Persönlichkeit in vier Wochen wandeln können und Schöpfer der Wirklichkeit – Der Mensch und sein Gehirn – Wunderwerk der Evolution. Beide Bücher befassen sich mit den neurowissenschaftlichen Grundlagen des Wandels und der Epigenetik.

Dr. Joe Dispenza schloss sein Studium der Chiropraktik an der Life University in Atlanta (Georgia) mit Auszeichnung ab. Im Rahmen von Aufbaustudiengängen befasste er sich mit Themen wie Neurologie, Neurobiologie, Funktionsweise des Gehirns und Chemie, Zellbiologie, Gedächtnisbildung, Altern und Langlebigkeit. 

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