Stellungnahme zur Doku-Serie «Reise ins Übersinnliche» auf SRF 1 - Von Lucius Werthmüller

von Basler Psi Verein

11. April 2019

Im Februar und März 2019 strahlte das SRF 1 eine dreiteilige Doku-Serie mit dem Titel «Reise ins Übersinnliche» aus.

Dabei war ich, neben dem Neuropsychologen Prof. Peter Brugger, als Experte eingeladen. In der Folge habe ich einige Rückmeldungen erhalten und möchte hier meine Sicht der Dinge darlegen. Angekündigt wurde die Sendung von SRF folgendermassen:

In insgesamt drei Folgen begleitet SRF in «Reise ins Übersinnliche» sechs Menschen auf ihren Reisen zu paranormalen Therapeuten. Dabei treffen sie Leute mit übersinnlichen Kräften oder solche, die glauben, besondere Fähigkeiten zu besitzen.

In «Reise ins Übersinnliche» versucht eine Sendung erstmals die Grenzen der Normalität auszuloten: Sind paranormale Phänomene plumper Spuk, oder ist paranormal im Sinne des Wortes «para» eine Variante des Normalen?

Das Format «Reise ins Übersinnliche» begleitet in insgesamt drei Folgen sechs Personen auf ihrer Reise zu paranormalen Therapeuten und zeigt, was in esoterischen Praxen, bei Gurus und Heilern geschieht. Kranke Menschen, die mit der Schulmedizin nicht weiterkommen, suchen Heil in der Alternativmedizin und bei Esoterikern. Sinnsuchende erhalten in den etablierten Religionen oft keine Antwort auf ihre Fragen und wenden sich an ein Medium.

Für die Betroffenen sind paranormale Ereignisse immer echt. Für den Neuropsychologen Peter Brugger vom Universitätsspital Zürich aber sind übersinnliche Phänomene vom menschlichen Gehirn generierte Illusionen. Für Lucius Werthmüller, Parapsychologe und Präsident des Basler Psi-Vereins, hingegen sind aussersinnliche Fähigkeiten wie Gedankenübertragung und Hellsehen Tatsache.

Aussersinnliches, Hilfe aus dem Jenseits oder paranormale Praxisgemeinschaften werden immer beliebter; tatsächlich glauben heute gleich viele Schweizer an Gott und an Engel.

Die Resonanz in der Presse war negativ bis vernichtend. «Fauler Zauber zur besten Sendezeit» schrieb Gion Mathias Cavel ty, der Sektenexperte Hugo Stamm «SRF zeigt ‘Reise ins Übersinnliche’ – und bestätigt die schlimmsten Befürchtungen», «Lachhaft bis unerträglich» titelte der Tagesanzeiger. Am meisten Fett weg bekam das Trance Medium Silvia Hollenstein wegen ihrer speziellen Mimik im Trancezustand, aber auch die Pranic Healing Therapeutin Angelika Hunziker, die an einem «Hologramm des Energiekörpers» arbeitete und dabei «spastische Bewegungen vollführte», wie der Tagesanzeiger schrieb.

Dass die gezeigten Bilder der Behandlungen und Sitzungen Menschen, die nichts über die Hintergründe der Methoden wissen, seltsam anmuteten, ist klar. Aber ein Vergleich mit Handlungen in etablierten Glaubensgemeinschaften relativiert dieses Bild. Wenn es sich bei der katholischen Kirche um eine Sekte handeln würde, würde man sich lustig machen über die extravagante Kleidung der Priester und darüber, dass sie Wein und Oblaten verteilen und behaupten, dass diese sich in den Leib und das Blut Christi verwandeln würden.

Von der Presse wurde bemängelt, dass die Anbietenden nicht entlarvt wurden, dass esoterische Spinnerei zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde und dass ich gleichberechtigt neben dem Wissenschaftler Stellung nehmen konnte. In den Kommentarspalten tauchte oft der Vorwurf auf, dass SRF solche Sendungen mit Gebührengeldern finanziert und – wie zu erwarten – das Schlagwort «No Billag». Auf die Kritik der Presse und der Skeptiker möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen.

Ein Grossteil der Rückmeldungen, die ich zur Sendereihe erhalten habe, waren ebenfalls negativ, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen. So wurde die Auswahl der Anbietenden bemängelt. Weiter wurde kritisiert, dass die Sendung sehr oberflächlich gewesen sei und dass eine Chance verschenkt worden sei, angemessen über solche Praktiken zu berichten.

So gerieten die Macher von beiden Seiten unter Druck: Von der Presse und Skeptikern dafür, dass sie «Scharlatanen» eine Bühne zur besten Sendezeit boten und sie nicht entlarvt haben, von den «Esoterikern» dafür, dass die Sache angeblich ins Lächerliche gezogen wurde.

Es ist mir ein Anliegen an dieser Stelle die beiden Macher Peter Basler und Michael Zollinger zu verteidigen. Sie haben mich in einer frühen Phase des Projekts kontaktiert und Peter Basler hat mir in mehreren Gesprächen das Konzept der Sendung vorgestellt. Er hat mir gegenüber immer mit offenen Karten gespielt. Es war nicht das Konzept, Anbietende in einem kontrollierten wissenschaftlichen Experiment zu testen, sondern einen Einblick in die esoterische Szene zu geben.

Ich hatte die Möglichkeit, Heiler, Medien und andere Anbietende vorzuschlagen. Voraussetzung war, dass alle Beteiligten aus der Schweiz sein mussten, was die Auswahl stark einschränkte. Am Ende ist von meinen Vorschlägen nur Bea Rubli übriggeblieben, die bei Peter Brugger mit Abstand am Besten weggekommen ist und auch ihre kritische Klientin überzeugte.

Bea Rubli

Undankbar waren aus meiner Sicht die Aufgaben der Heiler. Sowohl Lipome, als auch Probleme mit dem Kreuzband sind meiner Erfahrung nach nicht Probleme, bei denen geistiges Heilen in einer Sitzung «Wunder» bewirkt, ausser man geht zu einem brasilianischen Trancechirurgen der Lipome herausoperiert. Ich weiss jedoch nicht, was die Heilerinnen in den Vorgesprächen ausgemacht haben und ob sie mitgeteilt haben, bei welchen Beschwerden die Chance in nur einer Sitzung eine wesentliche Besserung zu bewirken, besonders gross sei. Ich masse mir jedoch nicht an, aufgrund der gezeigten Filmausschnitte die Anbietenden zu beurteilen. Entscheidend ist, wie es die Klienten erleben. So kann eine Aussage, die für Aussenstehende banal klingt, für eine Klientin eine grosse Bedeutung haben.

Für Peter Brugger war es einfacher Stellung zu nehmen als für mich. Da er der festen Überzeugung ist, dass paranormale Phänomene nicht existieren, konnte er – ungeachtet dessen was uns an Ausschnitten im Studio vorgesetzt wurde – die Meinung vertreten, es handle sich einfach um Hirngespinste oder um handfesten Betrug.

Prof. Peter Brugger

Mein Part war schwieriger. Ich weiss, dass es paranormale Phänomene gibt, aber aufgrund der uns gezeigten Ausschnitten der Sitzungen konnte ich ehrlicherweise nur festhalten, dass ich nichts gesehen habe, was ich für paranormal halte. Meine Aufgabe war daher die Methoden einzuordnen und auf Studien hinzuweisen, die belegen, dass paranormale Phänomene existieren und dass geistige Heilmethoden durchaus Wirkung über den Placebo Effekt hinaus haben.

Meiner Erfahrung nach gibt es viel weniger «echte» Scharlatane als die meisten Skeptiker vermuten. Klar höre ich, wenn auch selten, haarsträubende Geschichten von Heilern, die ihren Kunden teure Abos für Heilsitzungen verkaufen und damit drohen, ihre Kräfte negativ einzusetzen, wenn jemand sich von ihnen lösen will. Das kann durchaus einen finanziellen Verlust in fünfstelliger Höhe zur Folge haben. Die Scharlatane finden sich in erster Linie unter den Fernheilern, die mit reisserischen und teuren Werbungen auf sich aufmerksam machen. Solche Scharlatane anzuprangern, wie es Peter Basler wiederholt beim Kassensturz getan hat, halte ich durchaus für verdienstvoll.

Allerdings gibt es sicher viele Anbieter die ihre Fähigkeiten überschätzen. Neben wenigen Scharlatanen findet man viel Mittelmass und eher wenige herausragende Heilerinnen und Medien.

Wir haben zwei Tage im Studio verbracht und ich habe zu allen Techniken und Methoden Hintergrundinformationen gegeben und versucht, sie einzuordnen. Dass im geschnittenen Film so wenig davon übriggeblieben ist, habe ich bedauert. Ich hatte jedoch keinen Einfluss auf das Konzept und den Schnitt des Films. Peter Basler selbst räumte in einem Gespräch mit mir im Anschluss an die Sendung ein, dass die Diskussion wohl zu wenig Raum hatte. Peter Basler erhielt Gelegenheit im Tagesanzeiger zur Kritik Stellung zu nehmen.

«Der Grossteil von ‘Reise ins Übersinnliche’ ist eine Reportage. Die Kamera dokumentiert wertfrei die Reise von drei Paaren zu diversen Anbietern. Wir wussten natürlich, dass dieses Thema stark polarisiert. Deshalb wollten wir die Geschichte abfedern mit einer Art Mini-SRF-«Club». So streiten sich in einem Studiogespräch zwei Experten. Der Neuropsychologe Peter Brugger vom Universitätsspital Zürich. Er sieht übersinnliche Phänomene lediglich als vom (menschlichen) Gehirn generierte Illusionen. Und Lucius Werthmüller, Parapsychologe und Präsident des Basler Psi-Vereins. Er sagt, dass aussersinnliche Fähigkeiten Tatsache sind. Das ist eine ausgeglichene Diskussion.

Die Serie gibt Einblick in eine für viele Zuschauer verborgene Welt. Wenn es nach mir ginge, hätte ich tatsächlich keine Miniserie, sondern eine Maxiserie gemacht. In einer Zeit, in der die Hälfte der Schweizer Bevölkerung an Engel glaubt, sollte man Übersinnlichem und anderen als den traditionellen mythologischen Konzepten mehr Sendezeit einräumen.»

Wir müssen uns bewusst sein, dass jeder in einer eigenen Filterblase lebt und sich vorwiegend mit Gleichgesinnten austauscht. Was für viele von uns normal und alltäglich ist, kann Aussenstehenden bizarr erscheinen. Die Reihe hat einen Einblick in die existierende Szene gegeben. Nur schon, dass das Thema aufgegriffen wurde ist für mich positiv. Es wurde uns ein Spiegel vorgehalten, in dem ein repräsentativer Querschnitt durch diese Angebote zu sehen war. Wenn uns nicht gefällt, was wir darin sehen, müssen wir wohl unsere zum Teil zu wenig kritische Haltung hinterfragen.

Weiterführende Links

«Reise ins Übersinnliche» online anschauen

Alle drei Folgen sind online verfügbar

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