Bettelmönch in Thailand

von Han Shan

20. Februar 2017

Interview mit dem Mönch und Meister Han Shan

Han Shan, geboren als Hermann Ricker in Hessen, lebte als erfolgreicher Unternehmer in Asien.



Seine Firma hatte ein Umsatzvolumen von 30 Millionen Dollar, exportierte in die ganze Welt und dennoch kehrte er dem Reichtum den Rücken. Das Signal zur Veränderung war ein schwerer Autounfall, den er ohne Kratzer überlebte. Daraufhin entschied er, in Thailand Bettelmönch zu werden. Im Interview haben wir versucht, mehr über ihn als Mönch und Mensch zu erfahren. Geleitet von dem Gedanken, wie lässt man das Materielle hinter sich, welcher Weg wird dann frei?

Lieber Han Shan, glaubst du, dass du auch ohne diesen Unfall auf deinen heutigen Weg gekommen wärst?

Wer weiss wirklich was passiert wäre, wenn der Unfall nicht stattgefunden hätte. Vielleicht wäre etwas anderes geschehen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. Darüber zu spekulieren, macht nicht viel Sinn und hält uns in unseren Vorstellungen gefangen, die mit der Realität nichts gemeinsam haben. Es war so, wie es war und hat dazu geführt, dass ich jetzt so bin wie ich bin.

Du hast den Entschluss, als Bettelmönch zu leben alleine getroffen und warst dann in der Umsetzung sehr konsequent: Die Firma hast du deinen engsten Mitarbeitern übertragen, deinen gesamten Besitz verschenkt. Warum war das notwendig?

Ich hatte die Entscheidung getroffen, mich auf den Weg zu begeben, die Tiefen des menschlichen Seins zu ergründen. Hierfür war es wichtig, mich in die bestmögliche Position zu versetzten, die das ermöglichen würde. Für mich war dies ein Grund Bettelmönch zu werden. Es war mir klar, dass mich mein Bezug zur Firma – die ich ja über viele Jahre aufgebaut hatte – immer wieder in eine Welt hineingezogen hätte, die ich eigentlich verlassen wollte. Auf der Insel habe ich dann erkannt, wie schwer es eigentlich war, die Firma mental loszulassen. Wieviel schwerer wäre es gewesen, wenn ich auch weiterhin nur irgendein Anteil daran besessen hätte?

Kaum in Thailand gelandet, hörtest du den Namen der Insel «Don Savan», der Insel des Himmels. Du hast dann auf ihr als Einsiedler zwei Jahre lang gelebt und meditiert. Kannst Du dich noch an die ersten Tage erinnern? Was für Gedanken waren bei Dir?

Zu der Zeit hatte ich viele widersprüchliche Gedanken in meinem Kopf. Auf der einen Seite war ich genau da, wo ich mich hingezogen fühlte und auf der anderen Seite hatte ich eine totale Unsicherheit über das, worauf ich mich wohl eingelassen hatte. Es fiel mir schwer, mich auf die gegebene Situation einzulassen und meinen Geist zu beruhigen. Das tropische Umfeld mit seinen vielfältigen Lebewesen und die Insekten machten die Situation für mich nicht einfacher.

Dein persönliches Ziel war, zwei Jahre auf Don Savan zu bleiben und du hast es tatsächlich geschafft!
Ganz ehrlich, wie oft kamen dir Zweifel?


Sehr oft, speziell in den ersten paar Monaten. Später weniger, aber doch immer mal wieder, über das ganze erste Jahr hinweg.

Und was liess dich trotzdem bleiben?

Da war als erstes mein Versprechen zu mir selbst. Versprechen zu sich selbst sind dazu da, sie auch einzuhalten. Viel wichtiger war die Einsicht, dass ich hier auf der Insel ein riesiges Privileg hatte, das mir eine kaum fassbare Gelegenheit gab, das umzusetzen, wozu ich ausgezogen war und wofür ich alles weggegeben hatte. Wie vielen Menschen präsentiert sich solch eine Chance und wie viele Menschen nutzen sie?



Nach Jahren strenger Meditationspraxis begann sozusagen erst die «Ausbildung» zum buddhistischen Mönch. Wie war dein Leben nachher?

Nach meiner Zeit auf der Insel ging es mir darum, mich in die Gemeinschaft der Mönche zu integrieren und zu lernen welche Aufgaben Mönche in Thailand im Austausch mit der Bevölkerung haben. Dazu gehören Rituale, wie z.B. Zeremonien bei Verbrennungen von Verstorbenen, bei Vermählungen, Geburten, Zeremonien zur Einweihung von Buddhastatuen und viele andere. Ich habe mich in dieser Zeit auch sehr intensiv mit der Palisprache, der buddhistischen Sakralsprache beschäftigt, in der auch die Chantings der Mönche abgehalten werden. Es waren zwei sehr lehrreiche Jahre, die ich dort im einfachen Waldtempel verbrachte. Phra Ajan Nun, der Abt dieses Tempels und seine kleine Gemeinschaft schufen ein ideales Umfeld, in dem ich tiefgründige Erfahrungen sammeln durfte.

Der Begriff «Meditation» ist bei uns im Westen mit dem Buddhismus nahezu gleichgesetzt und ich möchte dich fragen, inwiefern das deiner Meinung nach überhaupt zwingend in Verbindung steht. Ist die Lehre Buddhas essentiell für die Meditationspraxis, oder kann man auch ohne diese religiöse Verbindung meditieren und «erleuchtet» werden?

Gute Meditation ist die Wissenschaft des Geistes. In allen alten Kulturen dieser Welt, zurück bis zu den Kelten, war Meditation ein vertrauter Begriff und wurde auch praktiziert. Deshalb ist Meditation keine buddhistische Errungenschaft und genauso wenig ist die Lehre Buddhas eine Religion. Bei uns im Westen wurden durch den Wahn der Hexenverbrennung im Mittelalter jegliche Informationen über Meditationstechniken zur Bewusstseinserweiterung im Keim erstickt. So ging dieses wertvolle Wissen den nachfolgenden Generationen verloren. Heute orientieren wir uns nach Osten, um uns damit neu zu bereichern. Meditation hat mit religiöser Ausrichtung nichts zu tun. Beim Meditieren geht es darum, tiefes Wissen, das bei uns Menschen im Ursprung unseres Seins schon angelegt ist, freizusetzen und damit die ultimative Realität hinter der Entstehung der Dinge zu erfassen. Das totale klare und tiefe Verständnis des «Law of Nature» ist Erleuchtung.

Du hast deine eigene Methode zur Übung der Achtsamkeit entwickelt und nennst sie «Insight Mind Focusing». Bitte erklär uns deinen Weg und was wir damit erreichen.

Die Schulung der Achtsamkeit hilft uns als neutrale Beobachter wahrzunehmen, was in unserem Geist gerade vor sich geht. In anderen Worten, wir beobachten uns selbst – unsere Gedanken, Gefühle, Vorstellungen – mit neutraler, aber geschärfter Achtsamkeit, um zu verstehen, wie unser Geist und Verstand funktionieren, anstatt uns von unseren Emotionen hinweg tragen zu lassen. Weil wir dadurch verstehen, womit sich unser Verstand gerade beschäftigt, eröffnen wir uns auch die Möglichkeit, etwas zu verändern. Nehmen wir das Beispiel des Hamsters im Hamsterrad. Wenn der Hamster im Rad ist, sieht er immer nur die nächste Sprosse, die er als sein nächstes Ziel ansieht, ja sogar als seine Erfolgsleiter. Er erkennt nicht, dass sich das Rad im Kreis dreht. Wenn er aber aus dem Hamsterrad heraussteigen würde, um von aussen drauf zu schauen, dann könnte er verstehen, wie es funktioniert. Deshalb ist der achtsame neutrale Beobachter bei der Methode der Achtsamkeit so wichtig.

Die Mentalnotiz, mit der Gedanken, Gefühle und Sinneswahrnehmungen durch Benennung festgehalten werden, dient dazu, diese loszulassen. Dadurch kommt der Geist zur Ruhe.

Durch deine intensive Meditationspraxis hast du dich von der Mentalnotiz vermutlich schon längst entfernt und dein Geist ruht, sobald du die Absicht setzt, oder wie dürfen wir uns vorstellen, wie es sein wird, wenn wir tagtäglich über viele Jahre hindurch meditieren?

Die mentale Notiz dient dazu, einen gedanklichen Vorgang, der sich immer weiter fortsetzt und potenziert zu unterbrechen, damit wir wieder in unsere neutrale Mitte zurückfinden können. Denn da sind wir stark und klar. Durch intensive Praktizierung wird die Achtsamkeit stärker und schärfer und wird somit ein fester Bestandteil unserer geistigen Aktivitäten. Ist sie stark genug, ist sie bei allen geistigen Abläufen immer dabei und erkennt automatisch, was gerade in unserem Geist geschieht, ohne dass wir dabei denken achtsam zu sein. Dies wiederum befähigt dazu, mit allen Situationen bedacht und weise umzugehen. Eine «ausgereifte Achtsamkeit» funktioniert quasi wie ein Spinnennetz, das immer da und aufgespannt ist. Sobald etwas «das Netz der Achtsamkeit» berührt, wird die Spinne der Weisheit aktiviert und nimmt sich der Sache an.



Du hast in diesem Zusammenhang einmal erzählt, dass du dich in deiner täglichen Meditation «nur noch verbindest». Wie dürfen wir uns das vorstellen, was passiert dann?

Wenn wir uns durch Achtsamkeitsmeditation von den geistigen Überlagerungen langsam befreien, kommt die in jedem Menschen schon angelegte Ur-Klarheit mehr und mehr zum Vorschein. Ich nenne sie «universelle Anbindung ». Wir erkennen, dass alles im Universum den gleichen Ursprung hat, so auch wir Menschen und andere Existenzen. Haben wir diesen tiefen Zustand der geistigen Klarheit einmal realisiert, können wir auch alles, was daraus entsteht und entstanden ist wahrnehmen. Hier haben wir sozusagen Zugang zum ultimativen Wissen, das mit unserem «vorgestellten Wissen» nichts mehr gemeinsam hat.

Neben deiner Vortragstätigkeit und der Retreat Leitung in deinem Zetrum Nava Disa machst du Energiefeldreinigungen von Menschen, Häusern und Unternehmen. Was ist das konkret?

Im Universum sind alle Arten von Energieformen vorhanden. Dabei gibt es solche, die wir als «negativ» oder «positiv» klassifizieren würden. Eine energetische Reinigung dient dazu, die Entfaltung der «positiven» Energien zu unterstützen und damit die «negativen » auszulassen und zu verdrängen. Eine Reinigung ist immer ganz individuell auf die Umstände und die vorhandenen Energiearten des Subjekts oder Objekts abgestimmt, das eine solche energetische Reinigung erfährt.

Was würdest du als «deine Bestimmung» oder deinen «göttlichen Plan» bezeichnen, vorausgesetzt, du glaubst dass es ihn gibt?

Es gibt für jeden Menschen eine Lebensbestimmung oder göttlichen Plan, wie du es nennst. Die Frage ist, was tun wir, um unsere Lebensbestimmung freizusetzen und leben zu können? Jeder Mensch hat individuelle Talente, tiefes Potenzial und die universelle Klarheit in der Tiefe des Seins schon angelegt. Deshalb ist es sinnvoll, dass wir unser Leben so ausrichten, dass unsere Lebensbestimmung zum Tragen kommen kann. Der Weg dahin ist die Achtsamkeit. Ich sehe es als meine Aufgabe an, den Menschen ein Werkzeug zur Verfügung zu stellen, das es jedem einzelnen erlaubt, seine universelle Klarheit zu realisieren und damit auch die eigene Lebensbestimmung zu leben.

Glaubst du an Karma?

Unsere Geburt und das Leben auf dieser Welt ist von Karma geprägt. Karma heisst neutral übersetzt Aktion. Alle, die auf die Welt kommen, haben in ihren vorhergehenden Leben «Aktionen» angesammelt, die wiederum «Reaktionen » nach sich ziehen. Alles, was wir in unserem Leben denken, fühlen und tun ist «Aktion» und löst eine «Reaktion» aus. Alles, was wir aussenden, kommt zu uns zurück, früher oder später. So sammeln wir auf dieser Basis bei uns bestimmte Energien an, die wir in unser nächstes Leben mitnehmen und die Energiekombination, die uns am Ende unseres Lebens ausmacht, bestimmt in welcher Existenzform wir wiedergeboren werden und welche Arte von Talenten wir bei der Geburt mitbringen. Was wir in diesem Leben tun, hat einen Einfluss darauf, was danach kommt.

Was motiviert dich?

Universelle Liebe und Mitgefühl.

Zum Abschluss schliesse ich den Kreis zum Anfang, denn wir Menschen können uns oft sehr schwer von Dingen trennen und du hast kurzerhand dein Millionenvermögen verschenkt! Wie mache ich das: Wie lasse ich los? Bitte erklär es mir.

…. Durch geschärfte und trainierte Achtsamkeit auf unsere geistigen Aktivitäten. Es fällt uns schwer loszulassen, weil wir noch nicht verstehen warum wir anhaften. Mit der Achtsamkeit als Schlüssel, können wir verstehen, ändert sich unsere Einstellung zu den Dingen und wir können loslassen.


Über Han Shan

Han Shan ist einer der profiliertesten deutschsprachigen spirituellen Lehrer, Autoren und Seminarleiter. Als Hermann Ricker in Deutschland geboren, war er lange erfolgreicher Manager eines weltumspannenden Konzerns in Asien, ehe er anlässlich eines dramatischen Autounfalls sein Leben völlig neu überdachte. 1995 entschied er sich, als buddhistischer Mönch zu leben; heute führt er in Thailand das Nava Disa Retreat Center und lehrt weltweit das Achtsamkeitstraining und die natürlichen Energiegesetze. Sein Buch Wer loslässt, hat zwei Hände frei avancierte zum Bestseller.

Diesen Artikel teilen

Kategorien

Östliche Weisheiten

Direktlink