Interview mit Dan Millman

von Basler Psi Verein

28. Januar 2015

von Jill Möbius und Rüdiger Schache



Was ist Ihr grösster Traum in Ihrem Leben?
Ich habe keine Träume. Ich habe nur diesen gegenwärtigen Augenblick. Natürlich würde ich mir eine friedvollere, liebevollere, erleuchtete Welt wünschen, in der alle Menschen Sicherheit und ausreichend Nahrung geniessen können. Ich würde wünschen, dass meine Familie und meine Freunde viele Augenblicke voller Bedeutung, Sinn und Verbindung erfahren. Aber die Dinge sind wie sie sind, und die Welt fährt fort sich in dem Mass zu entwickeln, wie das Licht des göttlichen Geistes allmählich in die Spalten der Welt sickert, und dabei erfahren wir Wachstumsschmerzen. Das Leben ist ein grosses Geheimnis. Ich bin in Frieden damit.

Was bedeutet wahres Glück im Leben?
In den letzten Jahren habe ich mich weniger darauf konzentriert, meinen Verstand zu beruhigen oder meine Gefühle zu kontrollieren. Nachdem ich feststellen musste, wie wenig Kontrolle wir über solche Dinge haben, habe ich mich auf Handlungen und Verhalten konzentriert, über die wir mehr Kontrolle haben. Glück ist für mich nichts, was man mit Beständigkeit oder Vorhersagbarkeit erleben kann. Manchmal fühle ich mich fröhlich, manchmal traurig, ärgerlich oder sogar ängstlich, und dann gibt es wieder Augenblicke voller Freude, Befriedigung und Erfüllung. In der Zwischenzeit, während die Stromschnellen der Gefühle und die Parade der Gedanken fortfahren, konzentriere ich mich darauf, Glück auszustrahlen – in meinem Verhalten – und damit Samen des Glücks zu säen, egal, was ich gerade fühlen oder denken mag. Ich weiss nicht, ob dies «wahres» Glück ist, aber mir scheint es die realistischste und bedeutsamste Form davon zu sein.

Was ist das Wertvollste, das man nicht kaufen kann?
Das Wertvollste für einen Menschen ist unser Atem – das Hinein- und Hinausfliessen von Sauerstoff, Energie, Licht und Leben. Atmen bedeutet Leben. Wir atmen nicht nur Moleküle ein, sondern auch Geist, Schönheit und Inspiration. Einige Yogis sind der Meinung, dass uns bei unserer Geburt nicht eine Anzahl von Jahren mitgegeben wird sondern eine Anzahl von Atemzügen. Doch nehmen wir das nicht als selbstverständlich hin, solange wir kein Problem haben? Ich glaube, wenn es uns gelingt, uns unseres Atems zu erfreuen, lernen wir auch, uns an den einfachen Dingen des Lebens zu erfreuen. Alles andere sind nur Zugaben.

Was sind Ihre drei wichtigsten Tipps für dauerhafte Gesundheit?
Heutzutage gibt es eine Vielzahl an «speziellen» Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln. Doch mir scheint, dass die Grundlage für dauerhafte Gesundheit (innerhalb der Grenzen unserer genetischen Anlagen) aus drei Aspekten besteht: 1. Möglichst täglich massvolle Bewegung. 2. Eine ausgewogene, einfache und dennoch genussvolle Ernährung. 3. Ausreichend Ruhe (die von Person zu Person unterschiedlich lange dauert). Wer seine täglichen Gewohnheiten auf diesen drei Gebieten verbessert, schafft für sich eine gute Grundlage für Lebenskraft, Energie und Wohlbefinden. Andere Gewohnheiten wie Nicht-Rauchen, ein ausgewogener Lebensstil, sich genügend Zeit für Entspannung oder Meditation zu nehmen, sich auszuruhen und zu erholen, sind ebenso wichtig.

Was ist der Sinn des menschlichen Lebens?
Ich beginne mit der Annahme, dass «nichts irgendetwas bedeutet», dass das Leben ein Geheimnis ist und dass die Menschen die Neigung haben, allem Bedeutung zu geben. «Dieses hier bedeutet dies und jenes dort bedeutet jenes». Gesunde Leute erschaffen positive, konstruktive Bedeutungen. Ängstliche Menschen erschaffen ängstliche Bedeutungen: «Sie hat auf meinen Gruss nicht geantwortet; sie mag mich scheinbar nicht/ sie ist keine nette Person…» und so weiter. Deshalb weiss ich nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Wenn man mich fragt, was der Sinn des Lebens ist, würde ich sagen, dass ich vier verschiedene Absichten erkannt habe: 1. Wir sind hier, um zu lernen und uns weiter zu entwickeln. 2. Wir sind hier, um eine Art des Dienens zu finden (Karriere, Arbeit, Beruf), die unseren Interessen und Talenten entspricht. 3. Wir sind hier, um die Hürden auf unserem Lebenspfad zu überwinden. 4. Unser Sinn oder Ziel erscheint uns von Augenblick zu Augenblick.

Wenn Sie wüssten, dass morgen die Welt untergeht, was würden Sie heute tun?
Mir haben immer die Worte des Schriftstellers Isaac Asimov gefallen, der sagte: «Wenn ich wüsste, dass ich nur noch sechs Minuten zu leben hätte, würde ich ein wenig schneller schreiben.» Ich denke, dass ich ein Leben lebe, welches ich so weiter leben würde, auch wenn die Welt morgen unter geht. Falls das wirklich der Fall wäre, glaube ich, dass ich und alle auf der Welt sich plötzlich erinnern würden, was wirklich wichtig ist und dass wir diejenigen, die wir lieben, umarmen würden und zusammenkämen um das Leben, das wir hatten zu feiern. Es wäre eine bittersüsse Zeit. Ich erinnere mich an eine Zen-Geschichte über einen Mann, der von zwei Tigern über den Rand einer Klippe gejagt worden war und nun an einer einzigen Weinrebe hing. Unten warteten noch mehr Tiger, um ihn zu verschlingen. In diesem Augenblick lief eine Maus auf der Weinrebe entlang und fing an, daran zu nagen. Als die Rebe immer dünner wurde und schon kurz davor war zu brechen, bemerkte der Mann eine Erdbeere, die direkt neben ihm wuchs. Er pflückte sie. Wie wunderbar süss sie schmeckte!

Was bietet Ihnen Trost in schweren Zeiten?
Trotz der vielen Möglichkeiten, Ablenkungen, Erfolge und Erfahrungen, die vielen Menschen auf der Welt heute zur Verfügung stehen, spiegelt unsere ursprüngliche Biologie doch noch immer unseren Urtrieb und unsere Freude wieder, einen Partner, einen Freund, Geliebten und Gefährten zu finden, mit dem wir unser Leben teilen können. Für viele ist das Aufziehen von Kindern vielleicht die deutlichste Form der Unsterblichkeit. Ich kenne Menschen, die viel erreicht haben, zu Wohlstand gelangt sind, weit gereist sind, kreative Berufe haben, Status und so weiter. Doch diejenigen, die eine einigermassen stabile, meistens liebevolle Beziehung haben – und die, welche das Aufziehen von Kindern in ihrem Leben zur wichtigsten Sache gemacht haben – finden darin meines Erachtens grossen Trost. Deshalb würde ich sagen, ich finde in meiner Familie den meisten Trost. Aber nicht jeder hat eine Familie, noch sollte jedes Paar automatisch Kinder haben. Einige von uns haben im Augenblick keinen Gefährten. So können wir letztlich jenseits unserer biologischen Notwendigkeiten durch den einfachen, aber tiefgründigen Akt des Erinnerns an unsere göttliche Natur, an das «Grosse Ganze» eine höhere Art von Trost finden. Durch diese Erinnerung können wir unser Gleichgewicht, unsere Perspektive im Leben und unseren Humor wiedergewinnen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, um fundamentale Dinge auf der Erde zu verändern, was würden Sie sich wünschen?
Ich verfüge nicht über genügend Weisheit (oder vielleicht Überheblichkeit), um zu wissen, was für die Welt oder für andere Menschen das Beste wäre. Die meisten von uns würden wohl Krieg in Frieden umwandeln, Wettbewerb in Zusammenarbeit, Grausamkeit in Liebenswürdigkeit, Krankheit in Gesundheit, Hunger in ausreichende Versorgung mit Nahrung für alle. Aber grundsätzlich nehme ich die Welt so an, wie sie ist und wie sie sich entwickelt. Lieber als die «Dinge auf Erden» zu ändern, über die ich keine Kontrolle habe, bemühe ich mich darum, mich selbst zu verändern – freundlicher zu sein, mutiger und nützlicher für andere.

Was kann der Einzelne zu einem friedlichen Miteinander beitragen?
Das traditionelle spirituelle Gebet lautet: «Möge Frieden auf Erden herrschen und möge er mit mir beginnen. » Ganz klar, solange wir keinen Frieden in uns selbst finden, in unseren Beziehungen, in unserer Familie, könnte es schwieriger sein (und weniger glaubwürdig), wenn man versucht, eine friedvolle Gesellschaft zu erschaffen oder zu fördern. Ein Sprichwort sagt: «Wenn du die Hölle lieben kannst, bist du im Himmel». In diesem Sinn kann Frieden nicht die Abwesenheit von Krieg sein, sondern dessen Umarmung. In der hinduistischen Bhagavad Gita, als der Wagenlenker Arjuna den Avatar Krishna fragte, wie er an die bevorstehende Schlacht herangehen sollte, riet ihm Krishna nicht «werde ein Pazifist» oder «vermeide Gewalt». Er sagte «erinnere dich an mich (Gott) und kämpfe». Manche mögen diese Idee anstössig oder verwerflich finden, die den «heiligen Krieg» (ein seltsamer Ausdruck, aber eigentlich nicht seltsamer als der Titel meines Buchs Der Weg des friedvollen Kriegers) zu rechtfertigen scheint. Krishna rief Arjuna dazu auf, seine Rolle auf der grossen Bühne des Lebens zu spielen. Das war ein transzendenter, unkonventioneller Ratschlag. Als abschliessende Bemerkung zum Thema «Frieden » möchte ich nochmals hervorheben, dass ich nicht vorschlage, die Menschen sollten sich immer friedvoll fühlen. Das erscheint mir unnatürlich. Ich schlage vor, dass wir auf eine friedvolle Weise miteinander umgehen, egal, was wir gerade denken oder fühlen. Das scheint mir ein guter Anfang für eine friedvolle Gesellschaft zu sein.

Ihr wichtigster Ratschlag für Menschen, die auf der Suche nach einem erfüllten Leben sind?
Ich möchte mit einem Auszug aus meinem Buch Die universellen Lebensgesetze des friedvollen Kriegers antworten, als die weise Frau mir Lebewohl sagt mitden folgenden Worten – die auch meine Wünsche für Sie sind: «Dies sind meine Wünsche und Gebete für dich, jeden Tag in deinem Leben: Mögest du dich dem Leben hingeben und Gnade finden. Mögest du Glück finden, indem du aufhörst es zu suchen. Mögest du dich wieder mit dem Herz der Natur verbinden, die Weisheit der Erde erhalten und die Segnungen des Geistes spüren. Das tägliche Leben wird nach wie vor voller Herausforderungen sein, und du wirst dazu neigen zu vergessen, was ich dir gezeigt habe», sagte sie. «Aber tief in deinem Inneren wirst du dich erinnern und wenn dies geschieht, werden dir die Probleme des Lebens nicht schwerwiegender vorkommen als Seifenblasen. Ein Pfad wird sich vor dir auftun, wo zuvor nur das Unkraut der Verwirrung wucherte. Deine Zukunft und die Zukunft der gesamten Menschheit ist der Weg ins Licht, in die wachsende Erkenntnis über die Einheit mit dem Schöpfer und der gesamten Schöpfung. Und was jenseits dieser Erkenntnis liegt, ist unbeschreiblich. Wisse, dass gerade wenn der Himmel am dunkelsten erscheint, die Sonne auf dich scheint, dass du von Liebe umgeben bist und das reine Licht in deinem Inneren dir den Weg nach Hause weisen wird. Also vertraue dem Entfaltungsprozess deines Lebens und sei dir während aller Höhen und Tiefen deiner Reise gewiss, dass deine Seele sicher in den Armen des göttlichen Geistes ruht.»

Ein Interview von Jill Möbius und Rüdiger Schache aus:
Fragen, die das Herz bewegen, Aussergewöhnliche Menschen im Interview
Verlag Via Nova
ISBN 978-3-86616-004-0


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