Unverletzbar!
Mirin Dajo und seine Wunder von Luc Bürgin
Der Mann war ein
Wunder. Öffentlich liess er seinen Oberkörper 1947
mit einem spitzen Florett durchstechen. Ohne mit der Wimper
zu zucken. Ohne dabei Schmerzen zu empfinden. Ohne dass ein
Tropfen Blut floss. Von hinten. Von vorne. Und von der Seite.
Durch alle Organe. Immer und immer wieder. Seine Auftritte
stellten die medizinischen Autoritäten vor unlösbare
Rätsel.
Zürich, 31. Mai 1947. Variété-Direktor
Hans Hubert ballt die Faust. Nach einigem Hin und Her hatte
sich die Leitung der Chirurgischen Abteilung des Zürcher
Kantonsspitals bereit erklärt, Mirin Dajo zu empfangen.
Auf diesen Moment hatte der Theaterboss wochenlang gewartet.
Ohne Umschweife bugsiert er den verdutzten Holländer
mitsamt seinen zwei Begleitern ins Auto und rast mit ihnen
ins medizinische Zentrum der Schweizer Bankenstadt. Nach einem
schier endlosen Fussmarsch durch die Spitalkorridore erreicht
das Grüppchen gegen 16 Uhr ein kleines Auditorium der
Polyklinik. Anwesend sind Ärzte vom Dienst, Professoren
und Studenten. Sie erwarten wohl eine Art Messerschlucker
oder Variété-Zauberer und tuscheln entsprechend
herum.
Nach Rücksprache mit Direktor Professor
Alfred Brunner wendet sich Hans Hubert an die Zuschauer auf
der Estrade. «Mirin Dajo wird sich nun von seinem Freund
ein rund 80 Zentimeter langes und 6 Millimeter dickes Florett
durch den Körper stechen lassen», verkündet
er verheissungsvoll – und erntet dafür freundliche
Zweifel. «Wird denn dieses Florett vor der Prozedur
auch entsprechend desinfiziert?» will einer der Anwesenden
verlegen wissen. «Nein», schüttelt Hubert
den Kopf. «Das wird absichtlich nicht der Fall sein.»
Dajo steht stumm in der Mitte des Raumes – mit entblösstem
Oberkörper. Ehe sich die Zuschauer versehen, tritt sein
Assistent hinter ihn und rammt ihm die Waffe mit voller Wucht
von hinten durch den Leib, auf Höhe der Niere.
Totenstille. Mit offenem Mund beäugen Studenten
und Mediziner den Holländer. Ohne Zweifel: In seinem
nackten Oberkörper steckt ein Florett, das auf der Vorderseite
mehr als eine Handbreite herausragt! Noch dazu fliesst kein
einziger Tropfen Blut. So etwas hatten sie noch nie gesehen.
Dajo durchbricht die Stille – und beginnt mit ruhiger
Stimme zu sprechen, samt Waffe im Körper: «Sehen
Sie, ich bin unverwundbar, und dass ich unverwundbar bin,
weiss ich seit zwei Jahren. Allerdings habe ich schon lange
Zeit vorher auf dieses Ziel hin trainiert. Aber vor zwei Jahren
bog sich eine allzu elastische Waffe bei einem Lungendurchstich
ab und fuhr mir quer durch das Herz. Seither habe ich die
absolute Gewissheit, dass ich unverwundbar bin.»
Etwas unsicher ergreift jetzt auch Professor
Brunner das Wort: «Herr Dajo, wären Sie wohl so
nett, sich einer Röntgenaufnahme zu unterziehen –
samt der Waffe?» Dajo nickt freundlich. Brunner zögert,
überlegt einige Sekunden. «Würden Sie uns
bitte zu Fuss ins Röntgenkabinett folgen?» Der
Holländer nickt erneut: «Selbstverständlich.»
Es muss ein merkwürdiger Anblick gewesen
sein: Wie ein Geisterzug bewegt sich die Menschengruppe durch
die Korridore des Spitals. Vorneweg marschiert Mirin Dajo,
mit der Waffe im Leib, dahinter die Professoren und am Schluss
die Studenten, die fassungslos miteinander tuscheln. Unter
den Augen von entsetzten Krankenschwestern und verdutzten
Patienten geht es über mehrere Treppen in den Röntgenraum,
wo bereits alles vorbereitet ist.
Der Mann im Röntgenzimmer ist nervös wie noch nie.
Mit zittrigen Händen richtet er die Apparaturen ein.
Und das Wunder ist perfekt: Die Röntgenaufnahmen
belegen, dass die Waffe lebenswichtige Organe durchbohrt hat.
Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Wie oft er sich
schon durchstechen liess, will einer von ihnen wissen. «Hunderte
Male», lächelt Mirin Dajo bescheiden. Seine Freunde
nicken bestätigend. Verstört schütteln die
Ärzte ihre Köpfe. Zwanzig Minuten später wird
der Spiess aus Dajos Körper herausgezogen. Erneut fliesst
kein Tropfen Blut. Der Holländer lächelt, zieht
sich wieder an und genehmigt sich mit seinen Begleitern in
einer nahe gelegenen Bar ein kühles Bier.
In dicken Lettern berichten die Zeitungen in den folgenden
Tagen über das «Wunder Mirin Dajo». Wie die
Zürcher Journalisten notieren, wurde bei der Durchbohrung
«zweimal das äussere Bauchfell (Peritonaeum parietale),
die Niere, der Magen oder Darm und sehr wahrscheinlich die
Leber» durchstossen. Die Beobachter weiter: «Bei
einem normalen Menschen wäre dieser Durchstich vollkommen
unmöglich auszuführen. Angenommen, dieser Durchstich
durch den Körper würde trotzdem bei einem normalen
Menschen gelingen, so würde selbst bei sterilen Instrumenten,
trotz sofortiger Penicillin- und Chirurgie-Behandlung unweigerlich
der Tod eintreten, infolge einer Bauchfellentzündung,
entstanden durch den Anstich des Magen-Darmkanals.»
Doch die Fachleute äussern auch Bedenken,
wie die Basler «Nationalzeitung» ergänzend
notiert: «Alle medizinischen Autoritäten stehen
vor einem Rätsel. Sie können sich das Wunder nicht
erklären. Die Ärzte sind indessen voller Bedenken.
Wenn auch das Experiment wiederholt gelungen sei, müsse
man doch mit einem plötzlichen Zwischenfall und dem Tod
des Durchbohrten auf der Bühne rechnen. Und da die Spiesse
nicht desinfiziert werden, müsse man auch die Gefahr
von Vergiftung in Betracht ziehen.»
Wer war Mirin Dajo überhaupt? Ein Hochstapler?
Ein Fakir? Ein Guru? Ein Zauberkünstler? Nichts von alledem.
Arnold Gerrit Johannes Henskes – so sein wirklicher
Name – kam am 6. August 1912 in Rotterdam als Sohn des
Postbeamten Dirk Arnold Willem Henskes und der Pfarrerstochter
Cornelia Margaretha Vrijer zur Welt. Als ältester von
vier Söhnen wuchs er als ganz normales Kind auf. Nach
der Schulzeit erwarb er das Diplom als Reklamezeichner und
war bis zum Einmarsch der Deutschen als Grafiker in Rotterdam
tätig.
In diesen Jahren plagten den jungen Holländer
zunehmend Zweifel über seinen Lebensweg. Irgendetwas
unterschied ihn von seiner Umwelt. Seit seiner frühesten
Kindheit sah er Dinge, die andere nicht sahen. Fühlte
mehr als er wusste. Ahnte, was erst noch kommen sollte. Und:
Er hatte ein äusserst kurioses Verhältnis zu seinem
Körper. Bereits als kleiner Bub hatte er seine Mutter
schockiert, als sie eines Morgens jede Menge Sicherheitsnadeln
in seinem Arm entdeckte. Ohne die geringste Spur von Schmerz
hatte er sie sich eigenhändig durch die Haut gespiesst.
1937 verschluckte Arnold einem inneren Trieb folgend schliesslich
eine Handvoll langer Nägel. Im Spital wurden die Fremdkörper
operativ entfernt – ohne gesundheitliche Folgen. Ein
Experiment, das ihn prägen sollte...
Ob Kaffeehäuser oder Nachtclubs: Ab 1946
war Mirin Dajo kein Lokal zu schade, um mit seinen Körperexperimenten
auf sich aufmerksam zu machen. Mal liess er sich von diesem,
mal von jenem Kollegen durchstechen. Auch wenn er dabei oft
wie eine Jahrmarktsattraktion herumgereicht wurde, glaubte
er doch auf dem richtigen Weg zu sein. Er war anders, und
endlich konnte er einen Teil davon ausleben – zugunsten
seiner Mission. «Mein Ziel ist ziemlich einfach zu umreissen»,
predigte er jedermann, der es hören wollte. «Es
heisst: Vollständiger Frieden, ohne dass man Angst zu
haben braucht, dass wieder ein Krieg kommt. Um Gleichgesinnte
zu werben, lasse ich meinen Körper durchstechen –
zum Beweis, dass man im unerschütterlichen Glauben an
Gott unmöglich scheinende Dinge vollbringen kann.»
Der Holländer ahnte, dass er im Ausland
mehr erreichen konnte. Grund genug, seine Künste über
die Landesgrenzen auszudehnen. Auf Einladung des Zürcher
Theaterdirektors Hans Hubert startete seine Tournee in der
Schweiz – «im Land des Friedens», wie er
zu sagen pflegte.
Zürich, 3. Juni 1947. Hans Hubert reibt
sich freudig die Hände. An diesem Abend startet auf seiner
Zürcher Variété-Bühne ein neues Programm
– mit Mirin Dajo als Hauptattraktion.
Die medizinische Untersuchung im Vorfeld der Veranstaltung
sichert Hubert gegen den Vorwurf ab, seine Zuschauer an der
Nase herumzuführen.
Die Werbung zeigt Wirkung: Das Publikum strömt
in Scharen ins Theater. Und wird Zeuge wie Dajo alle Register
seines Könnens zieht. Stoisch lässt er sich von
seinem Assistenten Johnan mit einem ellenlangen Stilett die
Oberarmmuskeln durchstechen. Dann wird ihm in der Lendengegend
– wie bereits vor den Zürcher Ärzten –
ein rund sieben Millimeter dickes Florett durch Rücken
und Bauch gespiesst. Erneut fliesst kein Tropfen Blut. Eine
Besucherin kreischt entsetzt auf – und fällt in
Ohnmacht.
Die Waffen werden wieder entfernt. Doch der
Clou folgt erst jetzt. Denn Dajo weiss um die Skepsis seiner
Zuschauer. Also lässt er sich erneut durchspiessen. Mit
drei hohlen Floretten, an deren Griffen Schläuche angebracht
sind. Die Spitzen der Waffen werden aufgeschraubt. Eine Pumpe
leitet Wasser durch die Rohre, so dass es auf Brustseite herausspritzt.
Mit unbeweglicher Miene beobachtet Dajo das kuriose Schauspiel.
Ein lebender Brunnen! Das Publikum tobt...
Will man Wissenschaftler von Wundern überzeugen,
müssen sie jederzeit reproduzierbar sein. Da nützte
es auch nichts, dass er sein Können bereits vor der Zürcher
Ärzteschaft unter Beweis gestellt hatte: Auch im Basler
Bürgerspital will man den «Unverletzbaren»
untersuchen. Für die wissenschaftliche Untersuchung am
15. September 1947 zeichnen erneut namhafte Mediziner verantwortlich.
Alles wird minutiös protokolliert.
Assistent Johnan schreitet zur Tat – und
sticht mit unbewegter Miene zu. Auch die Basler Mediziner
schütteln fassungslos die Köpfe. Misstrauisch betasten
sie die spitze Klinge. Was sie mit eigenen Augen sehen und
mit ihren Geräten messen, ist mehr als erstaunlich.
Doch Mirin Dajo bleibt bescheiden. Ohne Geld
dafür zu nehmen, heilt er in der Schweiz weiterhin Kranke,
nimmt in eindrücklichen Vorträgen vorweg, was uns
Esoteriker heute lehren und predigt den Glauben an das Göttliche
in uns, ohne je zu missionieren. Bis zu seinem mysteriösen
Tod (siehe Infokasten) Ende Mai 1948 gelingt es ihm immer
wieder, seine Freunde aufs Neue zu verblüffen. Mal joggt
er mit einem Florett im Leib auf dem Zürcher Uetliberg.
Mal lässt er sich, wie in Bern, mit einem 2,5 Zentimeter
breiten Schwert durchstechen.
«Was ich hier deutlich zu machen versuche,
sind uralte, aber meist nur im Verborgenen verkündete
Erkenntnisse», betonte der Holländer immer wieder.
«Ich spreche in aller Öffentlichkeit davon, weil
ich den Augenblick dazu für gekommen erachte und die
Wahrheit meiner Worte durch Taten beweisen kann.»
Luc Bürgin hält
am Do, 14. Oktober um 19.30 Uhr an der Neuweilerstrasse 15
in Basel einen Vortrag mit dem Titel: Das Wunder Mirin Dajo
– Neue Erkenntnisse über den «unverletzbaren»
Heiler.