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Veränderte
Bewusstseinszustände - ein Überblick
von Lucius Werthmüller
In unserem gewöhnlichen Bewusstseinszustand
erleben wir uns als etwas fest Begrenztes. In veränderten
Zuständen wie zum Beispiel in der Trance, in Träumen
oder in der Ekstase verschieben sich die Grenzen zwischen
dem Ich und der Aussenwelt auf vielfältige Weise. Den
meisten paranormalen Manifestationen liegt ein veränderter
Bewusstseinszustand zugrunde, in dem gewisse Begrenzungen
des alltäglichen Bewusstseins wegfallen. Begriffe wie
Trance, Hypnose, Traum, Ekstase, Rausch, Erleuchtung werden
sehr häufig dabei verwendet, aber selten wird versucht,
System in dieses „Spektrum des Bewusstseins“ zu
bringen.
Stanislav Grof
und die „Topographie des Unbewussten“
Es ist das Verdienst der transpersonalen Psychologie und damit
von Leuten wie Abraham Maslow, Ken Wilber und Stanislav Grof,
Ordnung in diese Ansammlung von verschiedenen Erfahrungen
gebracht zu haben.
Stanislav Grof wurde 1931 in Prag geboren. Er
studierte Medizin und absolvierte nach Beendigung seines Studiums
eine psychoanalytische Ausbildung. In diesem Rahmen erforschte
er die Wirkung von LSD in der therapeutischen Praxis. Dabei
stellte er schnell fest, dass die auftretenden Erfahrungen
mit dem psychodynamischen Modell, das er vertrat, nicht erklärt
werden können. 1967 emigrierte er in die USA. Dort setzte
er seine Forschungen fort und entwickelte mit seiner Frau
Christina „ das holotrope Atmen“, eine Technik
die Hyperventilation, stimulierende Musik und gezielte Körperarbeit
verbindet und sehr tiefe Veränderungen des Bewusstseins
hervorbringen kann.
In seinem Buch „Topographie des Unbewussten“
gibt er einen Überblick über die Zustände,
die bei seinen Patienten während therapeutischen LSD
Sitzungen aufgetaucht sind. Diese umfassen die ganze Palette
von Zuständen, die uns aus spirituellen und okkulten
Traditionen überliefert sind.
Grof unterscheidet dabei unter den transpersonalen
Erfahrungen folgende Gruppen.
Erweiterung des Erfahrungsbereichs innerhalb
des Rahmens der „objektiven Realität“. Darin
gibt es die Gruppe von Erfahrungen, die mit einer zeitlichen
Bewusstseinserweiterung einhergeht. Zu diesen gehören:
embryonale und fötale Erfahrungen, Ahnen Erfahrungen,
kollektive und rassenspezifische Erfahrungen, Erfahrungen
einer früheren Inkarnation, Präkognition, Hellsehen,
Hellhören und Zeitreisen. Zu den Erfahrungen der räumlichen
Bewusstseinserweiterung gehören die Ich-Transzendenz
in zwischenmenschlichen Beziehungen, die Identifikation mit
anderen Personen, mit Gruppen, mit Tieren, Pflanzen und anorganischer
Materie, ausserkörperliche Erfahrungen, aber auch Erleuchtungserlebnisse
wie die Erfahrung von planetarischem oder kosmischem Bewusstsein.
Bei der räumlichen Einengung des Bewusstseins treten
zum Beispiel Organ-, Gewebe- und Zellbewusstsein auf.
Daneben gibt es aber auch die Erfahrungen, die
über den Rahmen der objektiven Realität hinausgehen.
Zu diesen Erfahrungen gehören spiritistische und mediale
Erfahrungen, die Begegnung mit übermenschlichen geistigen
Wesenheiten, Erfahrungen anderer Universa und Begegnungen
mit Ihren Bewohnern, Begegnungen mit Gottheiten aber auch
archetypische und mythologische Erfahrungen.
In seinem Buch „Topographie des Unbewussten“ illustriert
er die einzelnen Erfahrungen mit eindrücklichen Protokollen
aus seiner therapeutischen Praxis.
Leider hat unsere traditionelle Psychologie
keine Modelle für diese Bewusstseinszustände, was
dazu geführt hat, dass mystische Zustände, Trancezustände
und andere aussergewöhnliche Bewusstseinszustände
als pathologisch betrachtet werden.
Ken Wilber und
das „Spektrum des Bewusstseins“
Unsere Begriffsverwirrungen und der Streit zwischen
den Anhängern verschiedener psychologischer und auch
esoterischer Schulen kommt daher, dass wir ihren Geltungsbereich
nicht abstecken.
Der amerikanische Philosoph und Bewusstseinsforscher Ken Wilber
hat dazu ein Modell entworfen, das alle diese Zustände
und ihre Deutungen in einem Spektrum umfasst.
Dieses Spektrum des Bewusstseins ist eine mehrdimensionale
Darstellung der menschlichen Identität, von der höchsten
Identität des Kosmischen Bewusstseins über verschiedene
Stufen, die Wilber als „Bänder“ bezeichnet,
bis zum eingeengten Identitätsgefühl, das dem ichhaften
Bewusstsein eigen ist
Nachfolgend ein kurzer Überblick über die Hauptebenen
dieses Spektrums.
Die Ebene des GEISTES: Wilber geht in Übereinstimmung
mit vielen spirituellen Traditionen davon aus, dass das innerste
Bewusstsein des Menschen identisch ist mit der absoluten Wirklichkeit
des Universums, die entsprechend der Tradition mit Namen wie
Brahman, Tao oder Gott benannt wird und die Wilber mit GEIST
bezeichnet ( „GEIST“ = letzte Wirklichkeit oder
Kosmisches Bewusstsein im Gegensatz zu „Geist“
= Verstand, Intellekt“). Nach dieser universalen Tradition
ist GEIST raumlos und daher unendlich, zeitlos und daher ewig
und umfasst alles was ist. Auf dieser Ebene identifiziert
sich der Mensch mit dem Universum. Für das, was Aldous
Huxley nach G.W. Leibniz die „Philsophia perennis“
genannt hat, ist diese Ebene nicht eigentlich ein veränderter
Bewusstseinszustand, sondern eigentlich der einzig „wirkliche“
Zustand. Das heisst, dass das innerste Bewusstsein des Menschen,
das mit Begriffen wie Atman oder Christus bezeichnet wird,
identisch ist mit der höchsten Wirklichkeit des Universums.
Transpersonale Bänder: Diese Bänder
stellen einen überindividuellen Abschnitt des Spektrums
dar, in dem der Mensch sich seiner Identität mit dem
All nicht gewahr ist, seine Identität aber anderseits
nicht durch die Grenzen des individuellen Organismus definiert
ist. Dies ist der Teil des Spektrums in dem z.B. aussersinnliche
Wahrnehmung auftritt und viele der paranormalen Phänomene
situiert sind.
Existenzielle Ebene: Auf dieser Ebene gibt es
erstmals eine strikte Trennung zwischen dem Ich und der Aussenwelt.
Das heisst, dass der Mensch sich mit seinem in Raum und Zeit
existierenden Organismus identifiziert. Auf dieser Ebene bildet
sich der persönliche Wille. Der obere Bereich auf der
Darstellung beinhaltet die biosozialen Bänder. Diese
enthalten kulturelle Grundmuster, familiäre Beziehungen
und soziale Konventionen, aber auch die Bereiche, die allem
Erleben eine Färbung geben wie die Sprache, die Logik,
die Ethik und das Recht.
Die Ebene des Ego: Auf dieser Ebene identifiziert
sich der Mensch nicht mehr mit seinem gesamten Organismus,
sondern nur mit einem mentalen Abbild seines Gesamtorganismus.
Dieser wird gespalten in Psyche und Körper. So identifiziert
man sich ganz mit seinem Verstand, seinem Ego. Das drückt
sich deutlich darin aus, dass man auf dieser Ebene nicht sagt:
„Ich bin ein Körper“ sondern „ich habe
einen Körper“.
Die Ebene des Schattens: Oft erlebt der Mensch
auch Teile seiner eigenen Psyche als fremd und von sich getrennt
und spaltet sie von sich ab. Dadurch engt sich seine Identität
weiter ein auf Teile seines Ego. So werden psychische Züge,
die zu schmerzhaft sind oder sich nicht mit der Weltanschauung
in Übereinstimmung bringen lassen, ausgegrenzt und bilden
einen Fremdkörper. Dieser wird als Schatten bezeichnet.
Natürlich kann diese sehr verkürzte
Darstellung die Beziehungen zwischen den einzelnen Ebenen
und auch die einzelnen Unterebenen nicht ganz ausloten.
Wichtig in dieser schematischen Darstellung ist, dass je weiter
wir nach oben kommen, das Identitätsgefühl sich
zunehmend einengt, und dass die darunterliegende Ebene immer
alle darüberliegenden Ebenen intergriert.
Die Aussagen einer psychologischen Schule oder
eines philosophischen Modells können sich also auf verschiedene
Bewusstseinsebenen beziehen. Das heisst, dass man sich darüber
klar werden muss, auf welcher der aufgeführten Ebenen
( Ebene des Ego, biosoziale Ebene, existenzielle Ebene, die
transpersonale Ebene oder die Ebene des Geistes) sie angesiedelt
ist.
So kann man natürlich auch die verschiedenen
psychologischen Systeme und Therapien den einzelnen Ebenen
und Unterebenen zuordnen.
Es ist zum Beispiel unbestritten, dass ein Grossteil
unserer Träume auf psychodynamische Weise erklärt
werden kann. Ebenso klar ist für mich aber auch, dass
es Klar-Träume, luzide Träume, prognostische Träume
gibt, die sich in diesem engen Rahmen sinnvoll nicht erklären
lassen. So macht es keinen Sinn, einen prognostischen oder
transpersonalen Traum auf der freudschen Ebene des Ego zu
deuten.
Eine physikalische Analogie mag das Modell des
Bewusstseins als Spektrum verdeutlichen:
Unsere Umwelt ist gesättigt von Strahlungen
verschiedenster Art. Neben dem sichtbaren Licht in seinen
verschiedenen Farben gibt es noch Röntgenstrahlen, Gammastrahlen,
Infrarotwärme, Ultraviolettlicht, Radiowellen und die
kosmischen Strahlen. Alle diese Strahlungen unterscheiden
sich auf den ersten Blick beträchtlich voneinander. Gewiss
kann man den Eindruck bekommen, dass es sich um grundverschiedene
Phänomene handelt. Dennoch werden alle diese Strahlungen
heute als Erscheinungsform ein und desselben Phänomens
aufgefasst, nämlich der elektromagnetischen Schwingung.
Lama Anagarika Govinda, ein Vertreter des tibetischen
Buddhismus, sagt über diese Schichten oder Hüllen
des Bewusstseins: „Diese Hüllen sind nicht als
aufeinanderfolgende , getrennte Schichten zu verstehen, sondern
als sich gegenseitig durchdringende Prinzipien - vom feinsten
allseitig leuchtenden, alles durchstrahlenden Bewusstsein
bis zum "materialisierten Bewusstsein" das als Körper
in Erscheinung tritt.“
Mit diesem Modell des Bewusstseins als Spektrum,
wie es der amerikanische Philosoph Ken Wilber ausformuliert
hat, lassen sich also viele scheinbare Widersprüche und
Differenzen zwischen verschiedenen Modellen klären:
Jede dieser Theorien hat also mehr oder weniger
recht, wenn sie sich auf ihren Geltungsbereich beschränkt.
Dass alle Forscher zu einer einhelligen Sicht der Dinge kommen
ist nicht zu erwarten, aber sie könnten sich klarmachen,
dass sie - aus verschiedenen Perspektiven über dasselbe
Spektrum sprechen. So können wir zu einer wirklichen
Synthese der verschiedenen Ansätze zur Bewusstseinserforschung
kommen. In dieser Synthese bestehen gleichrangig nebeneinander
die verschiedenen psychologischen Schulen aber auch die Einsichten
der grossen Weisheitslehren.
Literaturliste:
Stanislav Grof: Topographie des Unbewussten,
Klett Cotta
Geburt, Tod und Transzendenz, Kösel Vlg
Das Abenteuer der Selbstentdeckung, Kösel
Vlg
Ken Wilber: Spektrum des Bewusstseins, O.W.Barth
Vlg
Wege der Übung, Kösel Vlg
Andreas Resch (Hrsg): Veränderte Bewusstseinszustände,
Imago Mundi Vlg
Charles T. Tart: Transpersonale Psychologie,
Walter Vlg
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