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Trancezustände
von Lucius Werthmüller

Die Parapsychologie definiert die Trance als einen Sammelbegriff für verschiedene, meist nicht pathogene Verfassungen oder Zustandsbilder, die durch Bewusstseinsdissoziation und Willensschwäche gekennzeichnet sind. Das Identitätsgefühl ist vorübergehend gestört bis aufgehoben. Bei einer leichten Trance bleiben Erinnerungen zurück, schwere oder tiefe Zustandsformen von Trance sind von einem Erinnerungsverlust gefolgt. Die physiologischen Grundlagen der Trance sind ungeklärt, es scheint, dass sowohl ein psychogener wie auch somatogener Weg zur Trance führt.

Man kann verschiedene Formen von Trance unterscheiden.
1. Die hypnotische Trance: eine durch Hypnose hervorgerufene Bewusstseinsveränderung, die eine Konzentrationssteigerung bewirken kann und unbewusste Erinnerungen wieder zugänglich macht.

2. Alltagstrance: Unser Bewusstsein scheint sehr stark mit einer stabilen Selbstbetrachtung verbunden zu sein. Dadurch sind wir unfähig, veränderte Zustandsformen im Augenblick ihrer Erfahrung zu erkennen. Der Durchschnittsmensch ist sich der vielen kleinen Veränderungen seines Bewusstseins im alltäglichen Leben nicht bewusst. Die wichtigsten Anzeichen der alltäglichen Trance sind:

- Dominanz des parasymphatischen Nervensystems, die mit Entspannung und leichter sexueller Erregung verbunden ist.

- Pupillenerweiterung beim Einstieg in die Trance oder beim Wahrnehmen eines trancefördernden Inhalts.

- Die Veränderung der Körperhaltung im Zustand der alltäglichen Trance. Sie zeigt sich in einer Vielfalt von Körperbewegungen, wie z.B. Kreuzung der Füsse, Neigung des Kopfes, einem verminderten Muskeltonus sowie in einer tieferen Stimmlage oder in langsamerem Sprechen.

Diese Verhaltensformen laufen völlig unbewusst ab. Es handelt sich um das, was wir oft mit Tagträumen bezeichnen. In diesen Momenten ergibt sich der Mensch Augenblickshalluzinationen akustischer und visueller Natur. Wir alle kennen den Ausspruch „Ich war einen Moment weg“. In diesen Momenten ist die Sensibilität gegenüber Aussenreizen wie der Wärme- und Kälte-Empfindung und akustischen Reizen stark hinabgesetzt.

Moderne Therapieformen wie das Neurolinguistische Programmieren (NLP) arbeiten sehr stark mit der bewussten Wahrnehmung der Signale solcher Zustände der Alltagstrance.

3. Schamanistische Trance: Der Schamanismus ist am stärksten in Sibirien, Nord- und Süd-Amerika und in Teilen Südostasiens beheimatet. Er beinhaltet den Glauben an visionäre Kontakte zur Welt der Geister und Götter. Dieser Kontakt wird durch den Schamanen, Medizinmann oder Zauberer in willentlich erzeugter Trance bei der sogenannten Seelenreise aufgenommen. Bei vielen Völkern werden zur Erzeugung dieser Zustände bewusstseinsverändernde Drogen verwendet. Ein anderes wichtiges Instrument zur Auslösung der Seelenreise ist eine teilweise sensorische Deprivation, das heisst oft totale Dunkelheit, und der Einsatz monotoner Trommelrhythmen. Neurophysiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass durch erhöhte Gefühlsbereitschaft und Konzentration auf diese monotonen Rhythmen veränderte Zustände provoziert werden können.

Es ergibt sich eine veränderte Muskelspannung bei sonstiger Entspanntheit, eine gesteigerte Aktivität der Phantasie bei schlafähnlicher Loslösung von der Aussenwelt, die visionäre Erlebnisse ermöglicht. Neurologisch zeigen sich im EEG langsame Theta Gehirnwellen, wie sie sonst vorwiegend im Tiefschlaf auftreten, sowie die Eigenproduktion von Halluzinogenen im Körper, den sogenannten Beta-Endorphinen. Die Anthropologin Felicitas Goodman, die voraussichtlich an den diesjährigen Psi Tagen anwesend sein wird, hat den Einfluss verschiedener Körperhaltungen auf die Tranceinhalte untersucht. Sie stellte fest, dass ein Zusammenhang besteht, zwischen der Körperhaltung beim Einstieg in den Trancezustand und den subjektiven Erlebnissen.

4. Die mediumistische Trance: Die Unterscheidung der Trancemedien von solchen, die im wachen Zustand bleiben, beruht auf blosser Annahme und dient nur einer ersten Verständigung. Möglicherweise wäre es richtiger, diesen Wachzustand als leichte Trance aufzufassen und Trance als den psycho-physiologischen Zustand zu definieren, der Voraussetzung für eine paranormale Manifestation ist.

Das englische Medium Ursula Roberts unterscheidet zwei Formen der Trance:

"In Trance " das heisst für sie ein Zustand in dem Automatismen ungestört ablaufen können.

"Entranced" das heisst für sie, dass das Medium von einem Geistwesen in den Trancezustand geleitet worden ist.

Gaye Muir, ein anderes sehr gutes und bekanntes Medium aus Grossbritannien, nennt die erste Form von Trance einen "selbsthypnotischen Zustand" und lässt den Begriff Trance nur für die kontrollierte Trance gelten.

Zur Zeit als der Spiritualismus sich ausbreitete, gab es viel mehr Trancemedien als heute. Ein Grund dafür war der damals sehr geringe Bildungsstand vieler Medien. Diese Medien mussten also in Trance versetzt werden, damit höhere Geistwesen durch sie sprechen konnten - in einer Sprache die über dem intellektuellen Niveau des Mediums lag. Um die Jahrhundertwende gab es unter diesen Volltrancemedien einige, die in der Trance physikalische Phänomene, wie Materialisationen produzierten. Dieses Phänomen ist heute sehr viel seltener geworden, existiert aber immer noch. Es kann aber wegen der Licht- und Geräusch-empfindlichkeit des Mediums und der Lichtempfindlichkeit des Ektoplasmas nicht in öffentlichen Demonstrationen gezeigt werden. Es scheint auch den Körper des Mediums sehr stark zu beanspruchen.

Wie vollzieht sich nun eine solche Entwicklung zum Trancemedium?
Wenn jemand medial ist und eine gewisse Durchlässigkeit erreicht hat und zu seinen jenseitigen Helfern ein Vertrauensverhältnis hergestellt hat, kann er versuchen noch etwas tiefer zu gehen. So kann es dann geschehen, dass einer das Gefühl hat, er müsse jetzt sprechen, obwohl er gar nicht weiss, was er sagen soll. Das Geistwesen, das bei dieser engen Zusammenarbeit für die geistige Seite verantwortlich ist, wird meist Kontrollgeist genannt. Überschattung ist ein Begriff, der das Verhältnis zwischen einem jenseitigen Kontrollwesen und seinem diesseitigen Mitarbeiter beschreibt. Dieses Verhältnis reicht von sehr grosser Nähe bis zu beginnender Kontrolle. Je besser ein Medium sich der fremden Kontrolle überlassen kann, desto weniger stört sein kritisches Bewusstsein die Durchgaben. Die Ankunft der Kontrolle verläuft nach mehrfach wiederholten Sitzungen meist nach einem bestimmten Muster. Bei den meisten Medien dauert der Übergang in die Trance nur etwa 2 -3 Minuten. Wichtig ist bei all diesen Betätigungen, dass sie nur unter Aufsicht eines erfahrenen Lehrers und in tiefem Vertrauen zu der Geistigen Welt unternommen werden. Oft sprechen die Medien ein Gebet und bitten um Schutz und Führung.
Solche inspirierten Reden im Zustand der Überschattung können eine Weltanschauung zum Ausdruck bringen, die womöglich gar nicht im Sinne des Sprechers ist.

Gelegentlich kann die Überschattung so stark werden, dass sie in eine zumindest teilweise Kontrolle während der Zeit der Trance übergeht. Dann kann sich zum Beispiel die Stimme des Mediums ändern. Der Kontrollgeist steuert die Funktionen des Kehlkopfs. Sir Arthur Conan Doyle, der Autor der berühmten Sherlock Holmes Romane, beobachtete bei dem Medium John Tichnor 82 Pulsschläge pro Minute im Normalzustand; kontrolliert von der Trancepersönlichkeit „Colonel Lee“ stieg der Puls auf 100, bei „Black Hawk“ auf 118 Pulsschläge pro Minute. Nach der spiritualistischen Ansicht ist die Kontrolle der Geist eines Verstorbenen oder auch eine nichtmenschliche Wesenheit. Animistisch wird die Kontrolle als Teilpersönlichkeit des Unbewussten des Mediums gedeutet oder in selteneren Fällen auch als Bewusstsein oder Unbewusstes einer lebenden Person, die mentalsuggestiv Einfluss auf das Medium ausübt.

Verschiedene Trancemedien, mit denen ich gesprochen habe, beschreiben das Aufwachen aus der Trance als vergleichbar mit dem Aufwachen aus dem Schlaf. Direkt nach dem Aufwachen sind die Erinnerungen an das Erlebte ziemlich stark. Wenn sie aber nicht bewusst sich bemühen, diese Erinnerungen im Tagesbewusstsein zu integrieren, verblassen diese Erinnerungen sehr rasch und fast vollständig. Am Anfang einer „Zusammenarbeit“ eines Mediums mit einer fremden Quelle sind oft die Veränderungen in der Stimme und den Körperbewegungen, die fast roboterartig wirken können, sehr augenfällig. Je länger diese Zusammenarbeit andauert, desto mehr gleicht sich die Trancepersönlichkeit der Alltagspersönlichkeit des Mediums an. So wird es für gewisse Medien zunehmend möglich, diese Informationen auch bei vollem Bewusstsein durchfliessen zu lassen. Die philippinischen Geistheiler zum Beispiel arbeiten zu Beginn ihrer Ausbildung oft in Volltrance. Nach einer gewissen Zeit, wenn sie ihre Fähigkeiten weiter ausgebaut haben, wird es für sie möglich, voll bewusst zu bleiben. Dabei werden bei vielen von ihnen nur noch die Hände gesteuert und kontrolliert.

Die spektakulärste Form der mediuminen Trance, die auch öffentlich demonstriert werden kann, ist die sogenannte Trancechirurgie, die vor allem in Brasilien vorkommt. Der Brite Stephen Tourov ist einer der ganz wenigen, der ausserhalb Brasiliens diese Form der Geistheilung praktiziert. Brasilien ist eine Hochburg des Spiritismus. Die brasilianische Ausformung geht aber vor allem auf den französischen Spiritisten Allan Kardec zurück, während der Ursprung der amerikanischen und britischen spiritualistischen Bewegung auf die amerikanischen Geschwister Foxx zurückgeführt wird.
Ich nehme hier als Beispiel den brasilianischen Trancechirurgen Rubens da Faria, den wir vor ein paar Jahren in der Schweiz bei der Arbeit beobachten konnte.

In Trance dient er den Geistärzten "Dr. Fritz " und „Dr. Ricardo“ als Medium. Dieser Dr. Fritz soll ein deutscher Kriegsarzt aus dem ersten Weltkrieg sein, allerdings haben Nachforschungen keine schlüssigen Hinweise auf seine Identität geben können. In Trance verändert sich seine Stimme, wie auch die ganze Gestik und Mimik. Auffällig ist auch, dass Rubens da Faria sehr kurzsichtig ist und sich ohne Brille schwer orientieren kann: In Trance entledigt er sich aber seiner Brille und vermittelt den Eindruck, dass er gute Augen hat. In seinem Normalzustand kann er kein Blut sehen; das geht so weit, dass es ihm unmöglich ist, Filmaufzeichnungen seiner Arbeit anzuschauen, da ihm dabei übel wird.

Dieses Phänomen hat sich bei ihm ganz spontan eingestellt und ist das erste Mal während eines Familientreffens aufgetreten. Eine Verwandte von ihm litt an einem Glaukom. Unvermittelt fiel er in Trance und begann vor den Augen der Angehörigen an Ihren Augen zu operieren. Dabei muss seine Kraft so intensiv gewesen sein, dass niemand wagte, sich ihm in den Weg zu stellen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er diese spezielle Fähigkeit akzeptieren konnte und sie regelmässig einzusetzen begonnen hat. In Trance redet „Dr. Fritz“ dann vorwiegend deutsch und braucht in Brasilien einen Übersetzer, da er in diesem Zustand das portugiesische kaum versteht. Er benutzt bei seinen Operationen weder sterile Instrumente noch anaesthesierende oder blutstillende Mittel. Dennoch empfanden die meisten Patienten kaum Schmerzen und es treten auch keine Infektionen auf. Seine Trance ist so tief, dass er sich nicht an seine Tätigkeit während dieser Zeit erinnern kann.

 

 

 

 
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