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Interview
mit Dr. Albert Hofmann
von Lucius Werthmüller
Albert Hofmann, geboren am 11. Januar 1906 in
Baden, studierte Chemie an der Universität Zürich.
Nach Abschluss seiner Ausbildung mit dem Dr. phil II trat
er 1929 in die Dienste der Sandoz AG. Während der ganzen
Zeit seiner beruflichen Tätigkeit bis 1971 arbeitete
Dr. Hofmann in den pharmazeutisch-chemischen Forschungslaboratorien
dieser Firma, zuerst als Mitarbeiter von Professor Arthur
Stoll, dann als Gruppenleiter und die leztzten 15 Jahre als
Leiter der Abteilung Naturstoffe. Aus seinen Untersuchungen
über die Wirkstoffe von Arzneipflanzen wie Mutterkorn,
Meerzwiebel, Rauwolfia und anderen sind zahlreiche wertvolle
Arzneimittel hervorgegangen.
Dr. Hofmann ist Autor vieler Publikationen in
Fachzeitschriften und der Monographie "Die Mutterkornalkaloide".
1979 veröffentlichte er sein Buch "LSD - mein Sorgenkind"
und 1986 "Einsichten - Ausblicke". Zusammen mit
Richard Schultes schrieb er "Pflanzen der Götter".
Für sein wissenschaftliches Werk wurde ihm mehrfach die
Ehrendoktorwürde verliehen.
Durch Ihre Entdeckungen sind Sie in Kontakt
mit veränderten Bewusstseinszuständen gekommen.
Welche Bedeutung messen sie diesen Zuständen für
unsere weitere Entwicklung zu?
Albert Hofmann:
Ich messe der Veränderung des Bewusstseins die allerhöchste
Bedeutung zu. Denn die ganze Evolution der Menschheit besteht
in einer Veränderung und Erweiterung des Bewusstseins.
Die ganze kulturelle und sonstige Entwicklung hängt davon
ab. Man muss natürlich klären, was man unter Bewusstsein
versteht. Das Bewusstsein an und für sich kann man ja
nicht definieren, denn ich brauche es ja um darüber nachzudenken,
was Bewusstsein ist. Ich würde es folgendermassen umschreiben:
Das Bewusstsein ist das rezeptive und kreative Zentrum des
Individuums. Das heisst dann eben, dass ein Ich ohne Bewusstsein
nicht denkbar ist. Da man Bewusstsein nur umschreiben kann,
spreche ich lieber von veränderten Bewusstseinsinhalten.
Ob ich mich nur mit der materiellen Seite des Lebens befasse,
oder ob ich mich auch mit dem Transzendenten, der Geistigen
Welt befasse, das ist das Entscheidende. Das heisst, dass
die Veränderung sich auf die Inhalte des Bewusstseins
bezieht.
Welche Bedeutung kann LSD in Zukunft haben zur
Veränderung dieser Bewusstseinsinhalte?
Albert Hofmann:
Heutzutage leben wir in einem materialistischen Zeitalter.
Viele Menschen sehen nur noch den äusseren, materiellen
Teil und streben und handeln in diesem Bereich. Was dahinter
steht, den geistigen Urgrund, nehmen sie nicht mehr wahr.
Ich sehe das LSD als Katalysator an. Es ist eines der Mittel,
das unsere Aufmerksamkeit, unsere Wahrnehmung auf andere Teile,
andere Inhalte unseres menschlichen Daseins lenkt, so dass
wir wieder des geistigen Hintergrundes gewahr werden. Was
LSD bewirkt, ist eine Reduktion der intellektuellen Kräfte
zugunsten eines emotionalen Erfahrens der Welt. Man vergisst
sich selbst und wird erfüllt von anderen Dimensionen
des Seins, den geistigen Dimensionen, die nur mit dem Herz
wahrnehmbaren Dimensionen. Insofern kann LSD Menschen helfen,
die bestrebt sind diesen unbefriedigenden, rein materiellen
Aspekt der Wirklichkeit zu erweitern und mehr in das Geistige,
in das Emotionale, in die Dimensionen des Schönen, des
Allumfassenden, der Liebe zu gelangen. Dies ist ein Zustand
der Ekstase und darin kann man nicht immer bleiben. Unser
Alltag besteht aus zwei Komponenten, der materiellen und der
geistigen. Wir können uns nicht nur in der geistigen
Welt bewegen, denn im Alltag müssen wir uns wieder mit
der materiellen Welt befassen: wir müssen denken und
rational handeln. Wichtig ist, dass wir den geistigen Hintergrund
nie vergessen und aus diesem geistigen Hintergrund heraus
handeln. Und LSD dient da als Katalysator, um in einem einmaligen
oder mehrmaligen Erleben der geistigen Welt, neue Masstäbe
für den Alltag zu holen.
LSD als pharmakologisches Stimulans ist nur
eines der Mittel, um diesen Zustand des anderen Erlebens zu
intensivieren. Das kann auch durch Yoga, durch Fasten, durch
Isolation, durch Tanz, durch Kunst geschehen.
Haben Sie die Erwartung, dass die gesellschaftliche
Akzeptanz für den Einsatz bewusstseinsverändernder
Mittel zunehmen wird und dass Rahmenbedingungen geschaffen
werden, in denen LSD sinnvoll angewendet werden kann?
Albert Hofmann:
Ich habe die Hoffnung, dass das geschieht. In gewisser Weise
war das in der ersten Zeit so. LSD wurde angewandt in der
Psychiatrie und zwar als Hilfsmittel in der Psychoanalyse.
Was will man in der Psychoanalyse? Man will vergessene oder
verdrängte Bewusstseinsinhalte wieder ins Bewusstsein
zurückbringen, um sie zu verarbeiten. Sehr viele geistige
Störungen beruhen darauf, dass der Mensch in seinen Problemen,
in seinem Ich eingekapselt ist. LSD öffnet dann das Ich-Denken
zugunsten eines erweiterten Erlebens. Insofern ist LSD wertvoll
gewesen als Hilfsmittel, um zu einem erweiterten Bewusstsein
zu kommen. Aus einem isolierten Bewusstsein wegzukommen und
zu spüren, dass man Teil von etwas Grösserem ist,
hat einen therapeutischen Effekt. Es geht also immer um eine
Erweiterung; es geht darum die Dinge in einem grösseren
Zusammenhang zu sehen.
Was ist für Sie der wichtigste Effekt,
den LSD heutzutage haben kann?
Albert Hofmann:
Ein Effekt des LSD hängt mit einem ganz wichtigen Problem
zusammen, und das ist die Entfremdung der Natur. Viele Menschen
leben in einer städtischen Umgebung, die vollständig
vom Menschen gestaltet ist. Diese Entfremdung von der Natur
und der Verlust des Gefühls, ein Teil der lebenden Schöpfung
zu sein ist etwas vom Schlimmsten. Weil wir nicht mehr wissen,
dass wir ein Teil der Natur sind, sind wir in dieses materialistische
Zeitalter gekommen und sehen heute die ganze Katastrophe der
Umweltzerstörung, die wir dadurch verursacht haben.
Das Wertvollste ist, dass Menschen, die eine
positive LSD Erfahrung hatten, zu mir kommen und sagen: "Ich
hatte keine Beziehung zur Natur; jetzt liebe ich die Natur
und fühle mich wohl in der Natur." Das innere Wissen,
dass wir ein Teil der lebenden Schöpfung sind, ist etwas
vom allerwichtigsten, das wir wiedererlangen müssen.
Was der Mensch macht, ist sekundär und beruht auf dem
von der Natur vorgegebenen: der Erde, der Sonne, den Pflanzen.
Das ist die primäre lebendige und im ständigen Wandel
begriffene Welt. So kann LSD helfen, dass unser Bewusstein
wieder von diesem Gefühl des Ganzen und dem Einssein
mit der Natur zu erfüllen.
Wo liegen denn die Gefahren?
Albert Hofmann:
Es ist gefährlich, einfach LSD zu nehmen und zu denken,
man werde dann weise. Es braucht eine Vorbereitung, man muss
wissen, was man erreichen will. Man muss wissen, dass alle
Sinnesorgane stimuliert sind. Das Licht wird heller, die Farben
werden intensiver, alle Gefühlskomponenten werden intensiviert.
Man gerät in eine andere Wirklichkeit und dies kann sehr
erschreckend sein. Deswegen ist die meditative Vorbereitung,
die Wahl der richtigen Umgebung und Begleitpersonen so wichtig,
damit dieses andere Erleben integriert werden kann und nicht
erschrickt.
Wie schätzen Sie den Stellenwert dieses
pharmakologischen Weges zur Bewusstseinsveränderung ein?
Albert Hofmann:
Die pharmakologische Stimulierung ist wirklich nur eine unter
vielen Möglichkeiten. Atemtechniken, Yoga, Fasten und
viele andere Wege können auch dazu verhelfen.
Es ist ein Weg, der allerdings seit uralten Zeiten gewählt
wird. In Untersuchungen habe ich ja festgestellt, dass die
Wirkstoffe von mexikanischen Zauberpflanzen LSD-ähnliche
Verbindungen sind. Auch bei den Indianern gibt es eine lange
Vorbereitung durch Gebete, Fasten, Wahl der richtigen Umgebung
und durch geistige Führung.
Die Indianer sagen, dass man mit Gott in Kontakt
kommt, wenn diese Bedingungen erfüllt sind. Wenn man
es unterlässt, kann der Pilz töten oder einen Menschen
in den Wahnsinn treiben. Diese Erfahrungen hätte man
eigentlich beiziehen sollen, als man mit LSD zu experimentieren
begann. Denn LSD ist, sowohl was die Chemie als auch die Wirkungsweise
anbelangt, eng verwandt mit den mexikanischen Zauberpilzen.
Seit Urzeiten hat der Mensch diese Stoffe verwendet. Wir haben
in einer Untersuchung mit amerikanischen Kollegen festgestellt,
dass bei den Mysterien von Eleusis (ein geistiges Zentrum
im antiken Griechenland), LSD-ähnliche Stoffe angewendet
wurden, um sich mit dem göttlichen Sein zu verbinden.
Da solche Erfahrungen aber eben erschreckend sein können,
wurde diese Erfahrung lange und mit grossen Zeremonien vorbereitet.
Allein der Marsch von Athen nach Eleusis dauerte eine Woche.
In Eleusis bekamen sie einen Trank, das ist geschichtlich
erwiesen. Und nach dem Kykeon, diesem Trank, hatten sie ein
Erlebnis des Einsseins, des Unaussprechlichen. Solche Erfahrungen
lassen sich nicht in Worte fassen und deswegen durfte auch
nicht über die Erfahrung selbst,sondern nur über
die Bedeutung der Erfahrung gesprochen werden. Dort wurde
also auch dieser pharmakologische Weg gewählt, aber immer
verbunden mit einer Vorbereitung. Wenn man LSD anwenden will,
muss man es wie damals in einem zeremoniellen Rahmen in einem
geistigen Zentrum anwenden.
Aber LSD darf nicht profaniert werden, es benötigt
eine bestimmte geistige Reife und den richtigen Rahmen. Probleme
entstehen dann, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt
sind. Bei den Indianern sind diese Substanzen in den Händen
der Schamanen, der Heilpriester. In unserer Kultur haben wir
weder ein Eleusis noch entsprechende Institutionen, und auch
keine Schamanen. Die Heilpriester unserer Gesellschaft sind
vorläufig am ehesten die Psychiater. Sie haben mit der
Psyche und der geistigen Heilung zu tun. Also gehören
psychedelische Substanzen in die Hände der Psychiater.
Wenn wir entsprechende Einrichtungen schaffen, kann die Anwendung
erweitert werden.
Hatten Sie schon vor der Entdeckung des LSD
Erfahrung mit veränderten Bewusstseinszuständen
oder sind Sie durch diese Entdeckung ganz unvermittelt mit
dieser Thematik konfrontiert worden?
Albert Hofmann:
Mein Buch „LSD - mein Sorgenkind“ beginnt mit
der Beschreibung eines visionären, mystischen Erlebnisses,
das ich als Kind hatte. Ich ging an einem Maimorgen durch
den Wald und auf einmal erschien mir alles in einem wunderbaren,
neuen Licht. Es ist so schwierig dies in Worte zu fassen.
Alles erschien mir wunderbar. Es war ein Erkennen und das
Gefühl bisher blind gewesen zu sein. Dieses Einssein
war ein ungeheures Erlebnis, das ich nicht einmal zu erzählen
wagte. Ich bewahrte es aber als grossen Schatz in mir.
Ich hatte als Kind noch einige Male ähnliche Erlebnisse,
aber immer in einer natürlichen Umgebung. Deswegen ist
es eben auch so wichtig, bei LSD Erfahrungen in einer lebendigen
natürlichen Umgebung zu sein. Eine LSD Erfahrung in einer
Discothek, in einer lärmigen Stadt kann geradezu tödlich
wirken. So sind diese Unfälle passiert, bei denen jemand
auf einen "Horror Trip" kam und mit dem Diabolischen
konfrontiert und davon erfüllt wurde.
Haben diese Erlebnisse Ihre weitere Entwicklung
beeinflusst oder geprägt?
Albert Hofmann:
Es gab mir das Gefühl, dass ich die Wahrheit gesehen
habe und die Sicherheit, dass eine wunderbare.ungeheuer tiefe
Wirklichkeit hinter dem Alltagserleben existiert. Es ist ein
Einssein, ein kosmisches Gefühl. Das hat mein Leben geprägt.
Normalerweise ahnen wir höchstens, dass unsere Welt kein
Zufallsprodukt sein kann und dass eine geistige Kraft dahinterstehen
muss.
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