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LSD
und die Erweiterung des Bewusstseins
von Lucius Werthmüller
Die Drogen sind Schlüssel, sie werden freilich
nicht mehr erschliessen, als unser Inneres verbirgt. Doch
führen sie vielleicht in Tiefen, die sonst verriegelt
sind.
Ernst Jünger
Das ekstatische
Abenteuer
Viele Naturvölker glauben, dass Gott seine
Schöpfungskraft in den Pflanzen zurückgelassen hat
und der Mensch die Möglichkeit habe, sie zu entdecken
und zu benutzen. Deshalb verwundert es kaum, dass gewisse
Volksstämme diese Pflanzen als heilige Wesen achten und
verehren.
Während Jahrtausenden war der Gebrauch
von halluzinogenen Pflanzen Teil des menschlichen Lebens.
Die bekanntesten dieser Pflanzen sind die mexikanischen Zauberpilze
der Gattung Psilocybe, der Peyotekaktus, Ayahuasca und der
Hanf. Die ethnologische Forschung hat nachgewiesen, welch
wichtige Funktionen der Gebrauch halluzinogener Pflanzen als
Teil religiöser Systeme hatte. Die Anwendung dieser Pflanzen
war fast überall in den Händen von Schamanen, Eingeweihten
und Priestern.
Klassifizierung
der verschiedenen Drogen
In der öffentlichen Diskussion herrscht
immer noch eine grosse Verwirrung in Bezug auf die Unterschiede
der verschiedenen Drogen. Unser Bild vom Rausch ist geprägt
durch den Alkohol. Oft werden Substanzen wie LSD, Haschisch
und Heroin immer noch in einem Atem genannt.
Die Zahl der psychoaktiven Stoffe ist sehr gross
und ihre Klassifizierung nicht einfach. Am exaktesten wäre
wohl eine Einteilung entsprechend ihrer chemischen Struktur.
Chemisch verwandte Stoffe können aber ganz unterschiedliche
Wirkungen haben, so dass diese Gliederung nicht allzu sinnvoll
erscheint. So teilt man diese Stoffe heute eher nach ihrer
psychischen Wirkung ein (siehe Einteilung am Ende des Artikels).
Die Gruppe der Halluzinogene (Halluzinationen
erzeugend) oder Psychedelika (die Seele öffnend) unterscheidet
sich von den anderen durch ein ganz charakteristisches Wirkungsbild.
Während die Substanzen der ersten fünf Gruppen im
wesentlichen die Stimmungslage beeinflussen, indem sie eine
beruhigende, einschläfernde oder stimulierende Wirkung
haben, geht der Effekt der Halluzinogene viel tiefer. Halluzinogene
bewirken tiefgreifende seelische Veränderungen, die mit
einem veränderten Erleben von Raum und Zeit verbunden
sind. Auch das Erleben der eigenen Persönlichkeit und
Körperlichkeit wird tiefgreifend verändert. Dabei
bleibt das Bewusstsein klar erhalten, während die Wirkungen
von anderen Stoffen wie Alkohol oder Morphin mit einer mehr
oder weniger starken Bewusstseinstrübung einhergehen.
So bringen Psychedelika uns bei vollem Bewusstsein
in andere Welten und Dimensionen, die ganz real erlebt werden.
Im Normalfall werden sie als realer und intensiver als die
gewöhnliche Alltagswelt erlebt. Dabei sind diese Substanzen
nicht suchterzeugend. Die Unterscheidung zwischen sogenannten
"weichen" und "harten" Drogen bezieht
sich also nicht auf die Wirkungsintensität der Drogen,
die bei den "weichen" Drogen viel höher ist,
sondern auf ihre Giftigkeit und Suchtpotential.
Die Entdeckung
des LSD
1938 synthetisierte der Basler Chemiker und
Forscher Dr. Albert Hofmann die chemische Verbindung Lysergsäurediäthylamid
(LSD) in der Absicht ein Kreislaufstimulans herzustellen.
Erst 1943 entdeckte er durch "Zufall" die halluzinogene
Wirkung von LSD, die von einer bisher unbekannten Wirkungsstärke
war.
Interessanterweise fand er auch in der mexikanischen
Zauberdroge Ololiuqui LSD-ähnliche Wirkstoffe. In den
fünfziger Jahren gelang es Albert Hofmann die wirksamen
Inhaltsstoffe der mexikanischen Zauberpilze zu isolieren.und
die wirksamen Substanzen Psilocybin und Psilocin zu synthetisieren.
Zunächst glaubte man, LSD würde Geisteskrankheiten
auslösen oder imitieren und nannte diese Art von Drogen
deshalb Psychotomimetika (Psychosen nachahmend). Auf dem Originalbeipackzettel
für Lysergol (reines LSD) der Firma Sandoz steht "...vermittelt
dem Arzt im Selbstversuch einen Einblick in die Ideenwelt
des Geisteskranken und ermöglicht durch kurzfristige
Modellpsychosen bei normalen Versuchspersonen das Studium
pathogenetischer Probleme."
Psychotische und
mystische Bewusstseinszustände
In diesem Zusammenhang stossen wir auf die bekannte
Schwierigkeit psychotische und mystische Zustände auseinanderzuhalten.
Leider hat unsere traditionelle Psychologie keine Modelle
für diese Bewusstseinszustände. Das hat dazu geführt,
dass ekstatische Zustände und mystische Erfahrungen als
pathologisch abgetan werden. Psychologie in der Nachfolge
Freuds gibt sich nur damit ab, was bildlich gesprochen in
unserem Keller und Erdgeschoss vor sich geht. Sie nimmt keine
Kenntnis davon, dass wir Zugang zu unendlich viel mehr Ebenen
in uns haben und dass diese Erfahrungen sehr real sind.. Es
herrscht in weiten Teilen unserer Gesellschaft immer noch
die Tendenz, mystische und psychotische Zustände einander
gleichzusetzen.
Das wohl wichtigste Kriterium diese Zustände
auseinanderzuhalten, besteht darin, wieweit die fremdartigen
Erlebnisse in das Tagebewusstsein integriert werden können.
Psychotische Zustände sind unintegrierte Formen eines
andersartigen Erlebens der Wirklichkeit. Der fundamentale
Unterschied zwischen diesen beiden, ist der Grad, wie weit
solche Erfahrungen in die Persönlichkeitsstruktur integriert
und in den Alltag mitgenommen werden können. Aldous Huxley
hat dies so ausgedrückt: " Ich bin überzeugt,
dass diese Erfahrungen uns wirklich etwas über das Wesen
des Universums vermitteln, dass sie ihren Wert in sich haben,
ihn aber vor allem dann erhalten, wenn wir sie in unser Weltbild
einfügen und im täglichen Leben anwenden. Die Wirkung
des mystischen Erlebnisses auf das alltägliche Leben
ist überall als Probe auf seine Gültigkeit betrachtet
worden."
Die Anwendung
in der Therapie
LSD stiess bei den Psychiatern auf lebhaftes
Interesse, da die von ihm erzeugten Visionen den Weg ins Unbewusste
des Patienten zu öffnen vermögen. In den USA wurde
LSD z.B. zur Behandlung von Alkoholismus eingesetzt. Alkoholiker,
die unter LSD-Einfluss mystische Erfahrungen machten, wurden
von ihrer Sucht kuriert. Auch die Arbeit mit Sterbenden und
unheilbar Kranken zeigte, welches Heilungspotential in der
LSD-Erfahrung liegt.
Der tschechische Psychiater Stanislav Grof bezeichnete
LSD als das Mikroskop oder Teleskop der Psychiatrie, da es
geistig-seelische Phänomene und Prozesse ans Licht bringt,
die sonst kaum zugänglich wären.
Die Bedeutung
des LSD in der modernen Kulturgeschichte
Auch auf Maler und Schriftsteller übten
die unter Psychedelika erlebten Welten grossen Einfluss aus.
Einen guten Überblick über diesen Einfluss gibt
das Werk von Masters und Houston "Die psychedelische
Kunst". Die grösste Publizität hatte wohl der
Bericht von Aldous Huxley über einen Selbstversuch mit
Meskalin, den er in seinem Buch "Pforten der Wahrnehmung"
beschrieben hat.
In den sechziger Jahren wurde diese Droge von
den Künstlern, den Hippies und anderen Subkulturen entdeckt
und geriet dadurch in die Massenmedien. Dazu führten
auch zahlreiche Berichte bekannter Persönlichkeiten wie
derjenige des Schauspielers Cary Grant, der seine LSD Erfahrung
als eines der wichtigsten Erlebnisse seines Lebens bezeichnete
und allen Poiltikern die Einnahme von LSD empfahl. Diese LSD-Welle
war in Kalifornien am stärksten und hat dort starken
Einfluss auf die Entstehung der New Age Bewegung gehabt. So
schildert Fritjof Capra in seinem Buch "Tao der Physik"
eine psychedelische Erfahrung mit Hilfe von "Kraftpflanzen",
die seine Weltsicht stark beeinflusst hat.
Der kürzlich verstorbene Timothy Leary,
der damals Professor für Psychologie an der renommierten
Harvard Universität Harvard war, propagierte LSD als
ein Mittel zur Befreiung von einengenden Prägungen. Dies
heizte die öffentliche Diskussion an. Darauf bemächtigten
sich die Massenmedien des Themas und beuteten es in oft sensationeller
Weise aus, was zu Kontroversen von grösster Heftigkeit
führte. Diese Kontroversen führten zu einem absoluten,
weltweiten Verbot von LSD, wodurch es auch der Forschung und
der kontrollierten Anwendung entzogen wurde. In den letzten
Jahren ist es ruhiger geworden um LSD und verwandte Substanzen
und die Diskussion wird heute viel sachlicher geführt.
In der Schweiz erhielten fünf Psychiater
eine Sondererlaubnis vom Bundesamt für Gesundheit zur
therapeutischen Anwendung von LSD, Psilocybin und ähnlichen
Stoffen.
Literaturauswahl
Rudolf Gelpke: Drogen und Seelenerweiterung
Stanislav Grof: LSD- Psychotherapie
Stanislav Grof: Topographie des Unbewussten
Erfahrung
Albert Hofmann: LSD - Mein Sorgenkind
Albert Hofmann / Richard E.Schultes: Pflanzen
der Götter
Aldous Huxley: Die Pforten der Wahrnehmung/
Himmel und Hölle, über einen Selbstbversuch mit
Mescalin
Timothy Leary: Politik der Ekstase
Maria Sabina: Botin der heiligen Pilze
Einteilung der
psychoaktiven Drogen
Analgetica, Euphorica : schmerzstillend, berauschend,
Wohlbefinden steigernd
Opium (Morphium, Heroin, Kodein usw.), Methadon
Sedativa, Tranquilizer: beruhigend
Rauwolfia (Reserpin usw.) - Phenotiazine (Chlorpromazin usw.)
- Tofranil usw.
Hypnotica: Schlafmittel
Barbiturate - Chloralhydrat
Inebriantia: Betäubungsmittel
Alkohol - Chloroform - Äther
Stimulantia: Excitantia: Erregungsmittel
Amphetamine - Coffein - Cocain
Halluzinogene / Psychedelika: Halluzinationen
erzeugend, Auslösung von Räuschen bei vollem Bewusstsein
Peyote und San Pedro Kaktus (Meskalin) - Pilze der Gattung
Psilocybe (Psilocybin, Psilocin) - LSD - Haschisch, Marihuana
- Nachtschattendrogen (Bilsenkraut, Stechapfel, Tollkirsche)
- Fliegenpilz
Empathogene:
MDMA (Ecstasy), MDA, MMDA und verwandte Stoffe
Diese Einteilung ist teilweise
willkürlich, da es zwischen den Wirkungen der einzelnen
Substanzen viele Überschneidungen und Querverbindungen
gibt.
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