Persönliches und kollektives Ego

von Eckhart Tolle

14. Juli 2015

Interview mit Eckhart Tolle von Suza Scalora

Wir hören viel über Gewalt und Chaos auf unserer Erde. Wir werden überflutet mit schmerzhaften und entsetzlichen Geschichten, über die wir im Internet, in Zeitungen und anderen Medien informiert werden. Erst kürzlich haben wir von einer weiteren möglichen Enthauptung durch die Terroristengruppe ISIS gehört. Wie können wir in Kenntnis solcher Schandtaten inneren Frieden finden?
Dazu gibt es viele Aspekte. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass ein hoher Prozentsatz von dem, was berichtet wird, auf Orte fokussiert, an denen gewalttätige Konflikte ausgetragen werden. Dies sind tendenziell Bereiche des Planeten, wo noch immer ein beträchtlicher Grad an kollektiver Unbewusstheit vorherrscht.



Kannst Du erklären, was du mit Unbewusstheit meinst?
Wenn ich eine Person als «unbewusst» bezeichne, ist nicht eine in Ohnmacht gefallene oder bewusstlose Person gemeint. Ich beziehe mich auf jemanden der spirituell unbewusst ist. Das soll bedeuten, dass die Person vollständig im Griff ihres Egos ist – ihrer falschen Wahrnehmung des Selbst. Das Ego lässt ein Gefühl von Getrenntsein zwischen sich selbst und den Anderen entstehen, oder zwischen «uns» und «sie».
Ein menschliches Wesen, das in den Fängen des Egos ist, identifiziert sich mit mentalen Bildern und Vorstellungen darüber, wer es ist. Im Kopf werden mentale Bilder oder Geschichten erschaffen. Damit wird die Identität, der Sinn dafür, wer die Person ist, von diesen Bildern und Geschichten definiert. Wenn das geschieht, besteht die Tendenz für diese Ego-Person zwanghaft andere zu beurteilen und sie damit zu Feinden zu machen. Das Ego macht das um die – letztendlich fiktive – Wahrnehmung des Egos zu stärken. Was immer eine Person denkt oder glaubt ist natürlich von der Vergangenheit bestimmt: der Art wie sie aufgewachsen ist, der Kultur in der sie lebt – einschliesslich den kollektiven Glaubenssystemen dieser Kultur – ihrer Bildung, dem familiären Hintergrund und so weiter. Eine Person, die im Griff des Ego steckt, identifiziert sich total mit dem konditionierten Inhalt ihrer Geistes. Das Denken und Verhalten einer solchen Person ist deshalb vollkommen vom Ego bestimmt. Das meine ich wenn ich von «unbewusst » rede.


Die westliche Kultur scheint genauso im Griff des Egos zu sein wie andere Bereiche der Welt. Kannst Du erklären, was es bedeutet, an einem Ort der Unbewusstheit zu leben. Was bedeutet es, kollektiv unbewusst sein?
Im Westen, aber auch an anderen Orten der Welt, herrscht tendenziell eine persönliche Art des Egos vor, während an anderen Orten es mehr eine kollektive Art des Egos gibt. Das kollektive Ego betont das «wir» mehr als das «ich». Das kollektive Ego kann sich auf die eigene Gruppe beziehen, religiös, nationalistisch oder ideologisch sein.
Es kann zum Beispiel eine religiöse oder politische Glaubensstruktur vorhanden sein, mit der die Leute sich im Kollektiv identifizieren, die dann einen grossen Teil der Wahrnehmung des eigenen Selbst oder Identität einer Person ausmacht. Heute trifft man dies weniger an als im zwanzigsten Jahrhundert, als Millionen von Menschen im Griff von kollektiven Glaubenssystemen waren. Als zum Beispiel Mao Tse-Tung in China an der Macht war, waren Millionen von Menschen total von ihrem kollektiven Glaubenssystem konditioniert. Genauso war es im nationalsozialistischen Deutschland und im Sowjetkommunismus.
Wenn Menschen sich so stark mit ihrem kollektiven Glaubenssystem identifizieren, wird ihr Ego enorm ausgeprägt. Das kollektive Ego beginnt «Feinde» zu suchen um das Gefühl von Getrenntsein, von dem das Überleben des Ego abhängt, zu stärken. Bereits das persönliche Ego hat ein stark dysfunktionales Element, und das kollektive Ego ist oft sogar noch dysfunktionaler bis hin zur absoluten Unzurechnungsfähigkeit. Die grössten Verbrechen, die auf unserem Planet begangen wurden, sind vom kollektiven Ego verübt worden. Während der Zeit der Inquisition im Mittelalter wurde Folter und Verfolgung im Namen der Religion angeordnet. Die christliche Botschaft wurde vollständig missverstanden; deshalb wurde die Religion eine auf das Ego bezogene Denkstruktur. Die Menschen verübten Schreckenstaten, weil ihr ganzes Selbstverständnis an eine Glaubensstruktur gebunden war. Während dem 20. Jahrhundert geschahen natürlich noch schlimmere Dinge – wie wir alle wissen.


Wie kann jemand so stark von seiner Menschlichkeit losgelöst sein? Wie können Menschen in dieser kollektiven geistigen Haltung gefangen sein?
Wenn das Ego eine Person so weit übernimmt, gibt es nichts in ihrem Geist ausser dem Ego. Sie kann dann weder ihre Humanität fühlen noch spüren – das was ihr gemeinsam ist mit anderen menschlichen Wesen oder gar mit anderen Lebensformen auf dem Planet. Ein solcher Mensch ist dann so stark mit seinen Denkkonzepten identifiziert, dass andere menschliche Wesen auch zu Konzepten werden. Dies verursacht ein Gefühl des Getrenntsein, wodurch das Ego gedeiht. Wenn du zum Beispiel ein islamischer Extremist bist, siehst du alle als Ungläubige an, die nicht dein Glaubenssystem teilen und deshalb verkündest du, dass sie «böse» sind.
Du kannst das Menschliche und das Sein derjenigen, die dein Glaubenssystem nicht teilen, nicht mehr spüren. So bald du eine Person konzeptualisiert hast, wird Gewalt fast unausweichlich. Das ist so, weil du sie nicht mehr als menschliches Wesen siehst. Es wird dir unmöglich irgendeine Art Empathie mit einem anderen Individuum zu empfinden, das nicht in deine kollektive Geistesstruktur hineinpasst. Wir fragen uns oft: «Wie ist es möglich, dass menschliche Wesen ihren Mitmenschen so viel Leid zufügen können?» Die Antwort darauf ist, dass diese Menschen vollständig im Griff des Egos sind. Die absolute Unfähigkeit des Egos, Empathie für andere zu haben erklärt, wie es möglich ist, dass solche Schreckenstaten auf dem Planet ausgeübt werden können. Es wird berichtet, dass Jesus am Kreuz gesagt hat: «Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.» In unserer Zeit hätte er wahrscheinlich gesagt: «Vergib ihnen, denn sie sind vollständig unbewusst.»

Übersetzung des Interviews von Sabin Sütterlin


Über Eckhart Tolle

Eckhart Tolle wurde in Deutschland geboren und verbrachte hier die ersten dreizehn Jahre seines Lebens. Nach dem Abschluss seines Studiums an der University of London war er in Forschung und Supervision an der Cambridge University tätig. Mit neunundzwanzig Jahren löschte eine tiefe spirituelle Transformation seine alte Identität praktisch aus und führte zu einer grundlegenden Wandlung seines Lebens. Die nächsten Jahre widmete er dem Verstehen, Integrieren und Vertiefen dieser Verwandlung, die den Beginn einer intensiven Reise nach Innen markierte.
Bekannt wurde er vor zehn Jahren durch das Erscheinen seines Bestsellers "Jetzt – die Kraft der Gegenwart". Dieses Buch erreichte weltweit eine Millionenauflage und wurde in 35 Sprachen übersetzt. Auch das Folgewerk "Eine neue Erde" wurde zum Weltbestseller. Nach mehreren Auftritten in der Show von Amerikas berühmtester Talkmasterin, Oprah Winfrey, ist Eckhart Tolle heute ein weltweit gefragter Vortragsredner.
Eckhart Tolle gehört keiner speziellen Religion oder Tradition an. Die einfache aber tiefgreifende Botschaft seiner Lehre vermittelt er mit der zeitlosen und schlichten Klarheit aller wahren spirituellen Meister: es gibt einen Weg heraus aus dem Leiden, der direkt in den Frieden führt.
Seit Erscheinen seines ersten englischen Buches 1997 ist Eckhart Tolles Bekanntheitsgrad als spiritueller Lehrer weltweit konstant gewachsen. Inzwischen sind seine Bücher in 35 Sprachen übersetzt und besitzen überall Bestsellerstatus.
Seit 1996 lebt Eckhart in Vancouver, Kanada.

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